Wie Gott zum Architekten wurde - Architekturzeichnungen im 12. Jahrhundert

Shownotes

Wie Gott zum Architekten wurde - Architekturzeichnungen im 12. Jahrhundert

In dieser Folge tauchen wir tief in die Geschichte von Hugo und Richard von Saint Viktor ein, die in Paris mithilfe von Bauplänen und Mathematik Gottes Sprache zu entschlüsseln versuchten. Wir zeigen, wie Architektur im 12. Jahrhundert zur höchsten theologischen Disziplin wurde und warum der Austausch mit jüdischen Gelehrten ein Akt intellektueller Demut war. Gemeinsam hinterfragen wir, was passiert, wenn Worte nicht mehr ausreichen und warum neue Medien und Perspektiven der Schlüssel zur Wahrheit sind. Bist du bereit, mit uns die Grenzen von Text, Glaube und Wissenschaft zu sprengen? Dann hör rein!

Das war eine weitere Folge von Zeitblicke – Geschichten, die Geschichte lebendig machen. Wenn dir diese Reise gefallen hat, folge dem Podcast für weitere Zeitreisen in vergangene Welten.

Die Podcast-Folge beruht auf dem Buch von Karl Kinsella: God's Own Language. Architectural Drawing in the 12th century. MIT Press, 2023.

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Weitere Literatur zu spannenden geschichtlichen Themen:

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Transkript anzeigen

00:00:00: Stell dir mal vor, du stehst am Ufer der Seine.

00:00:02: Also wir sind im frühen zwölften Jahrhundert.

00:00:05: Das Wasser plätschert Möwen schreien irgendwie im Hintergrund Und vor dir auf dem Fluss Schaukeln diese riesigen Pariser Lastkähne Im Wind.

00:00:15: Ein ziemlich malerisches Bild eigentlich Absolut.

00:00:17: und genau dort stand eines morgens ein Mönch Hugo von San Victor Ein brillanter Theologe Der eigentlich nur einen ganz entspannten Spaziergang machen wollte.

00:00:27: Ja einfach mal den Kopf freikriegen.

00:00:29: Genau Er beobachtet also die Boote, schaut auf das Wasser und plötzlich bam trifft ihn eine Erkenntnis, die sein gesamtes theologisches Weltbild komplett ins Wanken bringt.

00:00:40: Ah!

00:00:40: Du meinst die Sache mit der Arche Noah?

00:00:43: Richtig

00:00:43: – Eine Erkenntniss über die Arche.

00:00:47: Er schaut sich diese massiven Holtschiffe an und begreift plötzlich ein ganz grundlegendes physikalisches Prinzip.

00:00:53: Ein

00:00:53: Schiff dieser Größe beim kleinsten Sturm einfach unweigerlich kenntern!

00:00:57: Und da schlägt bei Hugo die gewaltige kognitive Dissonanz zu, er denkt an die biblische Beschreibung der Arche Noor im Buch Genesis wo Gott Noor ja die exakten Maße diktiert.

00:01:10: Aber in diesem Text steht absolut nichts Also wirklich rein gar nichts von einem Kiel.

00:01:15: Richtig, nicht über die Form des Rumpfes?

00:01:17: Nichts über die Stabilisierung?

00:01:18: Genau!

00:01:19: Und Hugo wird schlagartig klar... Wenn man sich wirklich streng auf die Worte der Bibel verlässt Dann würde die Arche Noa dieses monumentale Bauwerk zur Rettung der Menschheit physikalisch gesehen sofort sinken.

00:01:31: Blubb weg

00:01:33: Was ja ein riesiges Problem war.

00:01:35: Jahrhunderte lang hatten Kirchenväter wie Augustinus gelehrt, dass solche baufysikalischen Details völlig irrelevant seien.

00:01:46: So in der Art ja!

00:01:48: Die Standardantwort war immer – Gott ist allmächtig?

00:01:51: Also schwimmt die Arche eben durch ein Wunderpunkt.

00:01:57: Aber Hugo der Theologie wirklich mit der realen Weltabgleich gab sich damit einfach nicht mehr zufrieden….

00:02:04: Er erkannte, dass Worte allein schlichtweg zu unpräzise sind um eine physische Realität exakt zu beschreiben.

00:02:12: Was uns ja direkt zu einer gewaltigen Frage führt wenn die Bibel das Wort Gottes ist?

00:02:19: Was passiert dann, wenn Gottesworte reinrechnerisch und physikalisch plötzlich nicht mehr aufgehen?

00:02:25: Eine sehr gefährliche Frage für einen Mönch damals!

00:02:28: Definitiv Und wir stützen uns in diesem Deep-Dive heute auf Karl Kinsellas brillante Arbeit, Gottes eigene Sprache um genau das herauszufinden.

00:02:40: Ein faszinierendes Buch!

00:02:42: Wir schauen uns an wie eine Gruppe mittelalterlicher Mönche dieses Problem löste indem sie quasi aus dem nichts den modernen Architekturplan erfanden.

00:02:51: also lass uns das mal aufschlüsseln.

00:02:54: gerne.

00:02:54: Wenn wir Hugo's Dilemma betrachten, dann ändert das ja eigentlich unsere komplette Sichtweise darauf.

00:02:59: Wie Menschen im Mittelalter über Gott nachgedacht haben, oder?

00:03:03: Ja

00:03:03: total.

00:03:04: Wir müssen uns von diesem klischeehaften Bild verabschieden das Theologen damals nur weltfremd darüber diskutierten wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können.

00:03:14: Das denkt man ja oft so dunkles Mittelalter und so

00:03:17: Genau.

00:03:18: aber Architektur wurde im zwölften Jahrhundert zunehmend als eine sehr wörtliche Kommunikation Gottes verstanden.

00:03:25: Warte!

00:03:26: Wörtlich?!

00:03:27: Wie meinst du das?

00:03:28: Naja, in den Manuskripten dieser Zeit taucht eine extrem bemerkenswerte visuelle Metaphe auf.

00:03:35: Gott wird nicht länger nur als abstrakter Geist dargestellt oder so ein kosmischer Zauberer der Dinge einfach aus dem Nichts schnippt

00:03:44: sondern

00:03:44: man zeichnete ihn als Handwerker.

00:03:47: Als einen überlebensgroßen Baumeister, der sich mit einem Zirkel in der Hand über das formlose Universum beugt um es rational zu ordnen und exakt zu vermessen.

00:03:59: Krass!

00:03:59: Das bedeutet, die Arche war im Grunde Gottes allererste architektonischer Bauplan?

00:04:05: Genau das.

00:04:06: Wenn Gott also in Architektur- und Geometrie kommuniziert dann ist das Verstehen dieser Architektor kein bloßes Hobby für irgendwelche Steinmetze auf der Baustelle?

00:04:14: Überhaupt nicht.

00:04:16: Es wird zur höchsten theologischen Disziplin überhaupt.

00:04:19: Man versucht buchstäblich den Verstand Gottes zu lesen.

00:04:22: Wahnsinn Ich stelle mir das immer so vor, als hätte man dieses gigantische unfassbar komplexe Ikea-Möbelstück vor sich.

00:04:30: Oh ja!

00:04:31: Guter Vergleich.

00:04:32: Aber anstatt der Anleitung mit den klaren Bildern und Pfeilen bekommt man nur einen fließenden hochpoetischen Text

00:04:40: So was wie Füge des Holz der linken Flanke an dem Dübel des morgendlichen Schattens.

00:04:46: Exakt Da wäre man doch nach fünf Minuten völlig verloren.

00:04:50: Es wäre das reinste Chaos.

00:04:51: Ein sehr treffendes Bild Und genau an diesem Punkt setzt Hugo's brillantester Schüler an.

00:04:58: Richard von Sengt Victor.

00:05:00: Ah, jetzt kommen wir zur Hauptfigur!

00:05:01: Richtig... Richard wandte sich Mitte des zwölften Jahrhunderts einem Bauwerk zu das noch weitaus komplexer war als die Arche Noa.

00:05:11: Dem Tempel des Ezechel?

00:05:12: Richtig.

00:05:13: Genau Im alten Testament beschreibt der Prophet Ezekiel eine gewaltige Vision eines gigantischen Tempelkomplexes.

00:05:22: Und der Text ist ja echt ein Albtraum zu lesen.

00:05:25: Labyrinth aus Maßen, Vorhöfen, Toren und Kammern – er springt ständig zwischen verschiedenen Perspektiven hin und her!

00:05:34: Ein architektonischer Fiebertraum?

00:05:36: Ja, und Richard wusste durch sein Lehrer Hugo mit Text allein entsteht hier nur Chaos.

00:05:43: Man kann das nicht einfach nur lesen und dann verstehen.

00:05:46: Also musste Richard das Medium wechseln?

00:05:48: Er musste diesen Text irgendwie in Bilder übersetzen um zu beweisen dass die Vision eben kein Virafibertraum war sondern eine in sich logische physikalisch mögliche Struktur.

00:05:59: Exakt Aber und das ist wichtig für dich, wenn du uns gerade zuhörst.

00:06:03: Wir sprechen hier nicht von so einfachen Randnotizen oder kleinen Skizzen die man zur Deko in ein Buch malt?

00:06:09: Keineswegs nein!

00:06:10: Richard verfasste einen Kommentar namens Invision im Erseechulis Und Schuf darin Zeichnungen Die es seit der Antike in dieser Fromm einfach nicht mehr gegeben hatte.

00:06:20: War er wirklich der erste?

00:06:21: Ja

00:06:22: war der erste Autor des gesamten Mittelalters Der systematisch Grundrisse-und Ansichten kombinierte

00:06:28: Wahnsinn.

00:06:29: Er prägte sogar den lateinischen Begriff Planum für eine architektonische Aufsicht, also ein Grundriss.

00:06:52: Die eine Linie musste exakt doppelt so lang sein wie die andere.

00:06:55: Weil eine Waagebeschreibung Lügen oder Interpretationsspielraum lassen kann, aber eine Maßstabsgetreue Zeichnung kann das nicht?

00:07:03: Ganz

00:07:03: genau!

00:07:04: Er erfindet den Blueprint – also den Bauplan sozusagen neu.

00:07:08: Er schneidet Gebäule in seinen Zeichnungen quasi in der Mitte durch.

00:07:12: So eine Art Schnittansicht.

00:07:13: Ja er zeigt Torhäuser so dass man gleichzeitig die innere Struktur und die äußere Fassade sieht.

00:07:21: Er zeichnet sogar tragende Holzbalken, die mitten durch dicke Steinwände ragen.

00:07:25: Und zu demonstrieren wie das Gebäude statisch überhaupt funktionieren kann?

00:07:29: Richtig!

00:07:30: Das ist reines Ingenieurs Denken – mitten im theologischen Skriptorium eines Klosters.

00:07:36: Aber so genial dass alles ist, eine Innovation passiert ja selten ohne massiven Gegenwind.

00:07:43: Da gab es doch diesen einen Typen

00:07:44: Petrus Cantor.

00:07:45: Genau, Petrus cantor ein sehr einflussreicher Theologe drüben an der Kathedrale Notre-Dame.

00:07:52: Der war von Richards Zeichenkünsten alles andere als begeistert oder?

00:07:56: Petrus

00:07:56: Kantor war geradezu entsetzt.

00:07:58: Er sah darin eine völlig absurde Verschwendung von Ressourcen.

00:08:03: Man muss bedenken, Pagament war damals extrem teuer

00:08:06: Das war ja behandelte Tierhaut das kostete einen Vermögen

00:08:10: Eben Und die Anfertigung dieser hochkomplexen, proportionalen Zeichnungen kostete immens viel Zeit.

00:08:19: Petrus argumentierte, warum sollten wir echten Reichtum und hunderte Arbeitsstunden opfern um mechanische Zeichnen von einem Tempel anzufertigen der nie gebaut wurde?

00:08:30: Der ja nur in einer Vision existierte?

00:08:33: Genau!

00:08:34: Für Petrus war theologische Kontemplation etwas absolut reingeistiges.

00:08:40: Das Handwerkliche dieses Zeichnen von Balken und Steinen gehörte für ihn auf die schmutzige Baustelle zu den ungebildeten Steinmetzen.

00:08:49: Nicht in die theologische Fakultät der Elite!

00:08:52: Richtig,

00:08:53: das war für ihn fast schon ketzerisch profan.

00:08:56: Weißt du ich muss sagen ganz ehrlich Petrus Cantor hat da einen Punkt, der mir auch sofort in den Sinn kam als ich mir Richards Zeichnungen für diesen Deep Dive hier angesehen habe.

00:09:05: Oh

00:09:05: welchen Punkt meinst Du?

00:09:06: Naja... Dieser Tempel aus der Vision ist doch ein antiques naheöstliches Bauwerk, richtig?

00:09:12: Ja.

00:09:12: Historisch gesehen ja!

00:09:14: Aber wenn man sich Richards Grundrisse und Ansichten so anschaut dann zeichnet er dort romanische Rundbögen, erzeichnet diese wuchtigen Kissenkapitelle.

00:09:23: Ich weiß worauf du hinaus willst...

00:09:24: Das sind abgerundete Säulenabschlüsse die man exakt in den Kirchen des zwölften Jahrhunderts in Paris fand.

00:09:31: Er drückt also einer uralten biblischen Vision den architektonischem Stempel seiner eigenen Gegenwart auf.

00:09:37: Das stimmt auffallend!

00:09:39: Verfehlt er damit nicht komplett sein ganzes Ziel der historischen Präzision?

00:09:44: Er zeichnet im Grunde eine Pariser Kirche und nennt es Isichils Tempel, das ist doch absurd...

00:09:49: ...das wirkt auf den ersten Blick tatsächlich wie ein eklatante Anachronismus – Ein riesiger Fehler

00:09:55: Ja oder...?

00:09:56: Aber wenn wir Richards' Methodik tiefer analysieren, stoßen wie auf ein Konzept das Kinzella den Realitätseffekt nennt.

00:10:04: Den Realitäzeffekt?

00:10:06: Okay, erklär mal!

00:10:07: Richards oberstes Ziel war der Sensus Literalis – also das Begreifen der wörtlichen historischen Realität des

00:10:14: Textes.

00:10:15: Seine Leser waren einfache Mönche in Frankreich...

00:10:18: ...die den Nahen Osten nie gesehen haben….

00:10:21: Exakt.

00:10:22: Hätte er versucht, eine fremdartige historisch korrekte naheöstliche Architektur aus der Eisenzeit zu rekonstruieren?

00:10:29: Hätte das auf seine Leser völlig abstrakt und ireal gewirkt?

00:10:33: Er brauchte also eine visuelle Sprache die seine Lesern sofort ohne Nachdenken entschlüsseln konnten!

00:10:39: Richtig.

00:10:40: Indem er die Gebäude der Vision so zeichnete, dass sie aussahen wie die massive reale Architektur der Kirchen direkt vor ihren Klostermauern, suggerierte er historische Faktizität.

00:10:53: Er schlug eine Brücke!

00:10:54: Ganz genau – er sagte seinen Lesern quasi seht her.

00:10:58: So physisch greifbar, so logisch konstruiert wie die Abteilen, der ihr gerade sitzt... ...so echt war auch die Architektor in Isychils Vision.

00:11:08: Es ging ihm also gar nicht um archäologische Genauigkeit?

00:11:12: Nein,

00:11:13: überhaupt nicht!

00:11:14: Es ging um kognitive Begreifbarkeit.

00:11:17: Das ist ein faszinierender rhetorischer Krieg.

00:11:20: Er nutzt die Architektur seiner eigenen Zeit als reines Übersetzungswerkzeug

00:11:25: Ein sehr mächtiges Werkzeug.

00:11:27: ja

00:11:27: Aber Richard stieß bei der Umsetzung seiner Pläne auf ein massives Problem, bei dem auch solche rhetorischen Tricks einfach nicht mehr helfen.

00:11:35: Der biblische Text verortet diesen gewaltigen Tempelkomplex ja an einem extrem steilen Berghang.

00:11:41: Ja, der Bergt Zion!

00:11:43: Und hier bricht die zweidimensionale Logik eines normalen Grundrisses komplett zusammen.

00:11:48: Vollkommen!

00:11:49: Man kann keinen flachen zwei-dimensionalen Plan von einem stark abfallenden Gelände zeichnen ohne die von Gott diktierten Maße zu verfälschen – eine Schräge ist immer länger als die Grundfläche darunter.

00:12:01: Genau das ist das Kernproblem….

00:12:03: Er brauchte also zwingend eine Methode, um zwei D fehlerfrei in drei D zu übersetzen.

00:12:09: Und

00:12:10: dieses Problem zwingt Richard dazu etwas Radikales zu tun?

00:12:14: Er muss die reine Theologie verlassen!

00:12:16: Er muss sich der angewandten Mathematik zu wenden...

00:12:19: Die Geometrie wird zu seinem wichtigsten Werkzeug.

00:12:22: Ja

00:12:23: und auf dem Folio- twohundertneununddreißig R seines Manuskripts sieht man wunderbar wie er das löst.

00:12:29: Das ist dieses ganz unscheinbare Diagramm

00:12:31: oder?!

00:12:32: das da fast am Rand schwebt.

00:12:33: Richtig,

00:12:34: ein Kreis und darin ist ein rechtwenkliges Dreieck eingezeichnet.

00:12:39: Es sieht original aus wie eine Notiz aus dem Geometrieunterricht in der Schule.

00:12:43: Er zeichnet also einen Dreiecke bei dem die flache Grundlinie die zweidimensionale Blaupause darstellt – das Planum?

00:12:50: Aber die schräge Linie, die nach oben klettert, repräsentiert die tatsächliche Oberfläche des Berges, die Superphetius.

00:12:57: Und Richard nutzt hier ganz gezielt den Satz des Pythagoras lange bevor das in der westlichen Architektur wieder zum Standard wurde.

00:13:05: Warte, er berechnet das wirklich?

00:13:07: Ja!

00:13:08: Er berechnet die mathematische Diskrepanz zwischen der horizontalen Grundfläche und der tatsächlichen geneigten Lauffläche des Hanges.

00:13:16: Okay...das heißt wenn das Planum beispielsweise achtzig Ellen misst

00:13:21: Dann muss die schräge Superphizie es auf dem Hang länger sein.

00:13:25: Sagen wir hundert Ellen, um die Proportionen im dreidimensionalen Raum zu wahren?

00:13:30: Wahnsinn!

00:13:31: Richard tut das nicht aus Spaß an der Geometrie – er nutzt harte unwiderlegbare Mathematik, um zu beweisen dass die architektonischen Angaben in der Bibel im Dreidimensionalen Raum logisch und physikalisch absolut fehlerfrei funktionieren.

00:13:47: Er beweist also gewissermaßen, dass Gottes Bauplan infalibel ist.

00:13:52: Dass Gott keinen Fehler gemacht

00:13:53: hat.

00:13:53: Genau das ist sein Ziel!

00:13:55: Das entlarvt er im Vorbeigehen auch einen riesigen historischen Irrtum den wir oft noch im Kopf haben.

00:14:02: Später in der Renaissance hat der berühmte Architekt Leon-Batiste Alberti ja behauptet, dass Mittelalter sei eine dunkle Epoche voller Ignoranten gewesen.

00:14:13: Alberti dachte, die hätten jegliches Wissen über antike Architektur und komplexe Geometrie komplett verloren.

00:14:20: Aber Richards Manuskrip beweist das exakte Gegenteil – diese Mönche haben angewandte Geometri genutzt um hochkomplexe architektonische Probleme zu lösen.

00:14:30: Alberti

00:14:30: tat das Mittelalter als intellektuell rückständig abschlicht weg weil er nicht in den Klöster nachsa.

00:14:36: Die Architekthurtheorie war nicht verschwunden!

00:14:38: Sie war nur umgezogen.

00:14:40: Richtig, sie war lediglich von der lauten Baustelle in die absolute Stille des theologischen Skriptoriums gewandert.

00:14:47: Geometrie war für Richard die Grammatik, die Gottesarchitektursprache überhaupt erst lesbar machte.

00:14:53: Artische Grammatiken blieben die biblischen Visionen einfach nur unzusammenhängende sinnlose Worte.

00:14:58: Ganz

00:14:58: genau!

00:14:59: Aber... Um diese absolute Präzision zu erreichen stieß Richard dann eine Grenze, die vielleicht noch viel schwieriger zu überwinden war als dieses mathematische Problem mit dem Berghang.

00:15:09: Du spielst auf die Texte selbst an?

00:15:11: Ja!

00:15:12: Er hatte ein massives Übersetzungsproblem.

00:15:14: Die lateinischen Bibeln jener Zeit waren ja oft das Resultat eines Jahrhundertelangen-Stillepostspiels.

00:15:21: Ohja... Das war ein riesiges Problem.

00:15:23: Ein hebräischer Begriff für ein spezifisches architektonisches Detail wurde zuerst ins griechische übersetzt

00:15:29: und dann vom griechen ins lateinische

00:15:31: oft von Übersetzern, die selbst absolut keine Ahnung von Architektur hatten.

00:15:35: Die Worte waren komplett verwässert und ungenau geworden.

00:15:38: Und dieser Zwang zur Präzision führt zur erstaunlichsten Wendung in Richards gesamter Arbeit.

00:15:46: In vielen überlieferten Kopien seines Werkes findet sich nämlich ganz am Ende eine extrem detaillierte Landkarte.

00:15:54: Eine Karte des gelobten Landes, die die Gebiete der zwölf Stämme Israels zeigt.

00:16:00: Richtig!

00:16:00: Und diese Karte passt visuell und inhaltlich perfekt in das Manuskript.

00:16:06: Aber sie stammt gar nicht aus Richards eigener Feder...

00:16:09: ...und dass ist der absolute Wahnsinn an der Geschichte.

00:16:12: Sie stammte von einem jüdischen Gelehrten

00:16:14: von Salomon ben Isaac, besser bekannt als Rashi.

00:16:18: Einem extrem berühmten französischen Rabbiner aus dem späten elften Jahrhundert.

00:16:23: Richard und die anderen gelehrten dort in der Abtei sein Victor hatten also erkannt dass sie den hebräischen Urtext brauchten um die Architektur des alten Testaments wirklich zu begreifen.

00:16:33: Und da Sie selbst kein Hebreel sprachen taten sie das einzig logische – sie wandten sich an die jüdischen Kommentare.

00:16:40: Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen.

00:16:42: Wir müssen uns echt den historischen Kontext vor Augen führen, um die Tragweite dieser Entscheidung zu begreifen.

00:16:48: Das zwölfte Jahrhundert?

00:16:49: Ja!

00:16:50: Das ist die Ära der Kreuzzüge.

00:16:52: Ganz Europa ist durchzogen von religiösem Fanatismus und brutaler extremer antisemitischer Gewalt.

00:16:58: Es herrschte eine unfassbar tiefe Feinseligkeit.

00:17:01: Und dass christliche Mönche in genau dieser Zeit systematisch das Werk jüdischer Rabbiner studieren und als Autorität anerkennen?

00:17:09: Als Autoritet für das Verständnis ihrer eigenen heiligen Texte.

00:17:13: Ja, das ist ein außergewöhnlicher fast schon unerhörter intellektueller Vorgang für diese Zeit!

00:17:19: Das ist wahre intellektuelle Demut.

00:17:22: Richard wusste einfach die Rabbiner verstehen diesen Text besser als wir.

00:17:26: Punkt Er

00:17:27: stellte die Wahrheit über das Dogma.

00:17:29: Aber wie genau sah dieser Einfluss von Rashi auf Richards Arbeit dann in der Praxis aus?

00:17:34: Es war ja sicher mehr als nur das Kopieren von so einer Landkarte, oder.

00:17:38: Es war eine tiefe methodische Verwandtschaft!

00:17:41: Rashi war der absolute Meister des Pescherts.

00:17:46: Das ist die jüdische Exesetradition, die sich strikt auf die wörtliche, die ganz einfache Bedeutung des Textes konzentriert.

00:17:54: Also im direkten Gegensatz zu allegorischen oder mystischen Interpretationen.

00:17:59: Ah, verstehe!

00:17:59: Das deckt sich ja exakt mit Richards Streben nach dem Sensorsliterales.

00:18:03: Genau

00:18:03: – beide wollten wissen wie sah dieses verdammte Gebäude ganz real und physisch aus?

00:18:09: Sie teilten also exakt denselben wissenschaftlichen Ansatz nur aus völlig unterschiedlichen religiösen Traditionen heraus.

00:18:18: Und sie nutzten verblüffend ähnliche Techniken, Rashi stand vor dem Problem extremen komplexe antike hebräische Baubegriffe für seine damaligen Leser im Frankreich des elften Jahrhunderts verständlich zu machen!

00:18:32: Wie hatte er das gelöst?

00:18:34: Seine Lösungen waren sogenannte Leazim.

00:18:36: Er nutzte alltägliche altfranzösische Wörter und fügte sie einfach in seinen hebräischen Kommentar ein.

00:18:43: Warte, er hat französisch in den hebräischen Text gemischt.

00:18:46: Ja!

00:18:47: Um beispielsweise eine spezifische antike Galerie zu erklären schrieb er einfach das altfranzösische Wort für Balkon.

00:18:55: Er nutzte die vertraute Alltagssprache seiner Leser um das Unbekannte übersetzbar zu machen.

00:19:01: Krass Moment Das ist ja exakt also wirklich Hagenau.

00:19:05: derselbe rhetorische Trick Den Richard mit seinen Zeichnungen angewandt hat.

00:19:09: Du siehst

00:19:09: die Parallele?

00:19:10: Ja absolut.

00:19:12: Rashi nutzt französische Alltagswörter des elften Jahrhunderts, um antike hebräische Architektur zu erklären und Richard zeichnet französe Kirchenarchitekture des zwölften Jahrhunters mit diesen Rundbögen, um genau denselben antiken Tempelvisuell greifbar zu

00:19:29: machen.

00:19:29: Der eine macht es linguistisch der andere visuell.

00:19:32: beide bauen eine Brücke aus ihrer eigenen Gegenwart zurück in die antike Vergangenheit.

00:19:37: das ist echt genial.

00:19:38: Ein brillanter Wissenstransfer, der sich einfach über alle religiösen Grenzen hinweg setzte.

00:19:44: Und dieser Transfer war übrigens keine Einbahnstraße.

00:19:47: Oh echt?

00:19:47: Nein!

00:19:48: Die Jahrzehnte später nutzte der bedeutende jüdische Philosoph Maimonides architektonische Diagramme für seine eigenen Schriften die Richards methodischem Ansatz extrem ähnlich waren.

00:19:59: Wow Wenn der Drang nach echter Wahrheit und Präzision also stark genug ist, verlieren diese künstlichen intellektuellen und religiösen Mauern offenbar komplett ihre Bedeutung.

00:20:12: Es geht dann nur noch um die Sache selbst!

00:20:15: Richard brauchte das jüdische Wissen zwingend, um sein geometrisches Vorhaben zu vollenden...

00:20:22: Was bedeutet das alles für dich, wenn du uns hier zuhörst und heute auf diese Quellen blickst?

00:20:27: Wir haben gesehen dass das Mittelalter absolut keine architektonische Dunkelzeit war.

00:20:32: Nein überhaupt nicht!

00:20:34: Die Fähigkeit dreidimensional zu planen und Geometrie anzuwenden verschwand nie.

00:20:39: sie wurde in den Klöstern kultiviert aber eben nicht um echte Kirchen aus Stein zu bauen sondern als ein hoch komplexes Analysewerkzeug.

00:20:49: Für Richard von Saint Victor war das Zeichen eines Grundrisses, der einzige Weg um Gottes Sprache wirklich zu deschifrieren.

00:20:57: Er erkannte, dass Worte allein die Realität oft verzerren oder unvollständig lassen – er ist nicht in seine Box geblieben!

00:21:05: Genau.

00:21:06: Als sie Theologie keine Antwort mehr lieferte, wandte er sich der Mathematik zu.

00:21:10: Als die christlichen lateinischen Übersetzungen zu Unpräzise wurden, suchte er in jüdischen Texten nach der Wahrheit ungeachtet der ganzen gesellschaftlichen Feindseligkeiten seiner Zeit.

00:21:20: Wer also stur in seinem eigenen Fachgebiet bleibt und sich wie Hugo von Sankt Victor ganz zu Beginn am Ufer der Seine nur auf die traditionellen Worte verlässt, der verliert den Bezug zur physischen Realität.

00:21:33: Echtes Verständnis erfordert fast immer einen Wechsel der Perspektive und des Mediums.

00:21:38: Das bringt mich zu einem Gedanken, den ich dir zum Schluss noch mitgeben möchte um mal selbst darüber nachzudenken.

00:21:44: Richard von Cent Victor stieß im zwölften Jahrhundert an die absoluten Grenzen der Textform.

00:21:51: Er brauchte Geometrie und völlig neuartige Architekturzeichnungen, um die Wahrheit hinter den alten Worten frei zu legen.

00:21:59: Heute stehen wir vor völlig anderen unvorstellbaren Realitäten – globale Finanzströmen, Klimamodelle das Verhalten von Quantenpartikeln.

00:22:08: Wir haben neue Werkzeuge dafür Künstliche Intelligenz, virtuelle Realität, komplexe Datenvisualisierungen.

00:22:15: Werkzeuge die weit über Text hinausgehen?

00:22:18: Genau!

00:22:19: Welche tiefgreifenden Wahrheiten über unsere eigene Welt übersehen wir in genau diesem Moment vielleicht völlig nur weil wir stur versuchen sie weiterhin in Artikeln Büchern oder Berichten in Worte zu fassen?

00:22:34: Vielleicht stehen wir heute alle ein bisschen wie Hugo am Wasser.

00:22:39: Wir schauen auf eine unfassbar komplexe Welt und wenn wir ehrlich sind, fehlt uns oft noch der Kiel um sie wirklich zu begreifen weil wir sie einfach nicht im richtigen Medium betrachten.

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