Die Kathedralenmacher - Mut, Technik und kühne Visionen auf den Baustellen der Gotik

Shownotes

Die Kathedralenmacher - Mut, Technik und kühne Visionen auf den Baustellen der Gotik

Begleite uns auf eine faszinierende Reise zu den Baustellen der großen mittelalterlichen Kathedralen. Zwischen Staub, Gerüsten und waghalsigen Hebekonstruktionen erleben wir hautnah, wie aus Muskelkraft, Mut und ungeheurem Ehrgeiz die größten Sakralbauten Europas entstanden.

Wir zeigen, warum Spitzbögen, Kreuzrippengewölbe und Strebepfeiler weit mehr waren als nur neue Architekturideen – sie waren technische Revolutionen, die den Traum von lichtdurchfluteten Kathedralen überhaupt erst möglich machten. Ganze Städte arbeiteten über Generationen hinweg an diesen steinernen Visionen des Himmels.

Du erfährst, warum Geduld, Erfahrung und sogar die richtige Mischung von Kalk und Mörtel über Triumph oder Katastrophe entschieden, weshalb Türme einstürzten und warum Bauherren trotzdem immer weiterbauten. Nach dieser Episode wirst du Kathedralen nicht mehr nur als schöne alte Gebäude sehen – sondern als atemberaubende Meisterleistungen menschlicher Vorstellungskraft.

Wenn dir diese Reise in die Welt der gotischen Kathedralen gefallen hat, dann folge meinem Podcast Zeitblicke. Dort entdecken wir gemeinsam weitere Geschichten, die Geschichte lebendig machen.

Diese Episode basiert auf dem Buch von

John Fitchen: The Construction of Gothic Cathedrals. A Study of Medieval Vault Erection. University of Chicago Press, 1997.

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Weitere spannende Einblicke in die Geschichte findest Du in den Büchern von Sonja Ulrike Klug

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Transkript anzeigen

00:00:00: Wenn du heute an einer modernen Großbaustelle vorbeigehst, dann erwartest du ja eigentlich absolute technische Präzision.

00:00:09: Oder?

00:00:10: Man blickt da auf gigantische computergesteuerte Krähne die tonnenschwere Stahlträger wirklich Millimeter genau an ihren Platz hiefen!

00:00:19: Ja... Absolut.

00:00:20: Das ist sozusagen ein lückenlos durchgeplantes Ballett aus Stahl, schwerem Gerät und Algorithmen.

00:00:26: Jedes Bauteil wird just in Time geliefert?

00:00:29: Genau!

00:00:30: Alles ist auf den Bruchteil eines Zentimeters berechnet – das wirkt alles extrem effizient und… naja fast schon steril.

00:00:39: Aber jetzt stell dir vor du betrittst die Welt der mittelalterlichen Architektur.

00:00:44: Plötzlich verschwinden all diese Kräne

00:00:46: Und man steht praktisch knietief im Schlamm.

00:00:49: Richtig, wir blicken auf eine Baustelle die einfach nur aus roher Muskelkraft, nassem Kalk und extremen Wetterbedingungen besteht – und natürlich aus einer gehörigen Portion purem Risiko!

00:01:02: Wie haben diese Menschen ausgerüstet mit den primitivsten Werkzeugen einige der größten Bauwerke der Menschheitsgeschichte errichtet?

00:01:09: Das ist die große Frage.

00:01:10: Und um diese gewaltige Leistung zu begreifen, machen wir heute einen tiefen Einblick in ein absolut fesselndes Buch.

00:01:16: Genau!

00:01:17: Wir stützen uns heute ausschließlich auf The Construction of Gothic cathedrals von John Fitchens.

00:01:22: Der Mann analysiert nämlich nicht nur die Kunstgeschichte sondern er zwingt uns direkt in den Staub der mittelalterlichen Baustelle.

00:01:30: Fitchins Ansatz verändert wirklich die gesamte Perspektive.

00:01:33: Wenn du heute vor einer gotischen Kathedrale stehst siehst Du ja ein fertiges scheinbar müheloses Meisterwerk Aber Fitschen zeigt uns den brutalen Kampf gegen die Schwerkraft.

00:01:44: Er schlüpft ja förmlich in die Rolle der Baumeister und fragt sich, wie haben sie das physisch überhaupt angestellt?

00:01:51: So ganz ohne moderne Technologie.

00:01:54: Exakt!

00:01:55: Und um diese extremen Bautechniken bei Fitschens zu verstehen müssen wir uns erst mal ansehen welches physikalische Problem die Gotik eigentlich lösen musste.

00:02:05: Ja, dass hat mich beim Lesen auch sofort gepackt.

00:02:07: Diese Gebäude sind im Grunde aus einem enormen Widerspruch heraus entstanden.

00:02:13: In der Epoche davor, also der Romanik sahen Kirchen ja völlig anders aus.

00:02:17: Das waren enorm schwere gedrohene Gebäuden!

00:02:21: Man brauchte extrem dicke Wände um das gewaltige Gewicht der massiven Steindecken überhaupt tragen zu können.

00:02:28: Und das Innere war ziemlich düster oder?

00:02:31: Weil große Fenster hätten diese tragenden Wände ja sofort geschwächt.

00:02:35: Nicht ein völlig neues, fast radikales Ziel!

00:02:39: Sie wollten Licht und Licht war für sie nicht einfach nur Helligkeit – es war das theologische Fundament.

00:02:46: Es galt als dass direkte spürbare Abbild des göttlichen auf Erden richtig.

00:02:51: Sozusagen Ja?

00:02:53: Ihr Ehrgeiz war es, das Innere der Kirche mit diesem gattlichen Element regelweg zu fluten.

00:02:58: Die Wände sollten fast komplett durchlässig wirken und durch riesige leuchtende Bundglasfenster ersetzt werden.

00:03:06: Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie ein Baumeister damals vor dieser Aufgabe stand.

00:03:10: also wenn ich mehr Licht in meinem Wohnzimmer haben will breche ich einfach ein größeres Fenster in die Wand.

00:03:16: Das wäre bei einer schweren romanischen Kirche eine ziemlich schlechte Idee gewesen.

00:03:20: Ja das Mauerwerk würde unter dem Gewicht der Decke einfach zusammenbrechen.

00:03:26: Wie haben Sie also dieses massive statische Problem gelöst, Wände fast nur aus Glas zu bauen die trotzdem ein tonnenschweres steinernes Dach tragen?

00:03:36: Naja sie mussten die Art und Weise wie ein Gebäude sein eigenes Gewicht trägt völlig neu erfinden.

00:03:42: Und der Schlüssel dazu war das Spitzbogen.

00:03:45: Ein klassischer romanischer Rundbogen hat nämlich einen geometrisches und physikalisches Limit

00:03:51: weil seine Höhe durch seine Breite diktiert wird.

00:03:54: Ein Halbkreis kann ja nur halb so hoch sein, wie er breit ist.

00:03:57: Richtig!

00:03:58: Aber noch problematischer ist, wie ihr die Kräfte verteilt.

00:04:02: Ein Rundbogen drückt das Gewicht der Decke sehr stark nach außen – also gegen die Seitenwände.

00:04:06: Ah, verstehe….

00:04:08: wenn man in diese Seitenwende dann große Fenster einbaut?

00:04:11: Dann drückt der Rundbogen die Wände einfach nach außend weg und alles stürzt ein.

00:04:15: Ja,

00:04:15: Spitzbogen leitet die Krächte also anders ab ….

00:04:21: Ehrlich gesagt immer nur für eine reine Designentscheidung gehalten, damit es eleganter aussieht.

00:04:27: Weit gefehlt – das ist pure Physik!

00:04:29: Der Spitzbogen lenkt den enormen Druck des Steingewichts viel direkter und steiler nach unten ab.

00:04:35: Anstatt ihn nach außen zu drücken, Fitschen zeigt sehr detailliert auf dass diese Form um zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent stabiler ist.

00:04:42: Das ist unfassbar.

00:04:43: Man konnte dadurch nicht nur extrem hoch in den Himmel bauen, man hatte die Schwerkraft viel besser unter Kontrolle.

00:04:51: und wenn man diese Spitzbögen dann kreuzt bekommt man das berühmte Kreuzrippengewildur oder?

00:04:56: Ganz genau!

00:04:57: In Fitchens Buch wirkt es fast wie das leichte Gerüst von einem Regenschirm.

00:05:01: Das schwere Steindach ruht nicht mehr auf der gesamten Wand, sondern das Gewicht wird über diese steinernden Rippen gebündelt und ganz gezielt auf einzelne Säulen abgeleitet.

00:05:12: Und genau das ist der entscheidende Punkt!

00:05:15: Zwischen diesen Säule hat die Wand plötzlich gar keine tragende Funktion mehr – sie wird statisch überflüssig.

00:05:21: Und exakt dort konnte man dann diese gigantischen fragilen Bundglasfenster einsetzen?

00:05:26: Ja… Allerdings gab es da ein Haken ….

00:05:29: Man wollte in der Gotik extrem hoch bauen.

00:05:31: Die Innenräume ragten oft über vierzig Meter in den Himmel.

00:05:35: Selbst mit den effizienteren Spitzbögen entstand weit oben immer noch ein gewaltiger Druck, der nach Außendrängte

00:05:41: Der sogenannte Seitenschub!

00:05:43: Die dünnen Pfeiler im Inneren hätten diese Kraft unmöglich allein halten können oder?

00:05:47: Nein die wären wie Streichhölzer nach außen weggeknickt

00:05:50: Und da kommt das wohl markanteste Merkmal-der-Gothik ins Spiel... äh ...die Strebepfeiler Also die fliegenden Streben an der Außenseite.

00:05:58: Wenn man sich eine Kathedrale von außen ansieht wirken die fast wie die Beine einer riesigen Spinne, die das Gebäude stützen.

00:06:05: Vitschen nennt es eine Art Exoskelett – ein äußeres Skelett!

00:06:10: Und das ist ein extrem treffendes Bild.

00:06:13: Die Strebepfeiler nehmen dem Gebäudeg quasi die Last ab.

00:06:16: An den Stellen wo im Inneren der stärkste Druck nach außen drängt setzen also Außen dieses steinernen Arme an.

00:06:24: Sie fangen diesen enormen Druck des Daches hoch oben ab und leiten ihn in einem eleganten Bogen außen an den zerbrechlichen Glaswänden vorbei, in den Boden.

00:06:33: Nur so konnten die Wände extrem dünn sein und fast komplett aus Glas

00:06:36: bestehen.".

00:06:37: Das Gebäude verlagert seine eigene Statik also nach draußen um drinnen Platz für das Licht zu machen – aber wenn man mal darüber nachdenkt eröffnet dass doch sofort ein gewaltiges logistisches Albtraumsszenario!

00:06:49: Wie meinst du das?

00:06:50: Na ja, wenn das gesamte Gewicht auf diesem filigranen Steinskelett rot muss jeder einzelne Block absolut markelos sein und exakt sitzen.

00:07:00: Ein kleiner Fehler – und das Gleichgewicht ist dahin!

00:07:02: Und wie organisiert man so einen Bau ohne moderne Lkws oder Computer?

00:07:07: Ja die Materialmengen waren in der Tat unglaublich….

00:07:10: Die Logistik war eine Meisterleistung, die der Architektur in nichts nachstand.

00:07:14: Fitschen beschreibt da sehr ernüchternde Rechnungen Stinkt.

00:07:17: Er spricht von hunderttausenden Tonnen Stein und die Transportkosten.

00:07:21: Richtig!

00:07:22: Der Transport von Stein auf diesen einfachen Ochsenkarren über eine Strecke von nur zwölf Meilen kostete oft genauso viel wie der Stein selbst im Steinbruch.

00:07:30: Der Transport über zwölfe Meilen hat den Materialpreis einfach mal verdoppelt – unfassbar!

00:07:37: Ich versuche mir gerade dieses Bild vorzustellen, da gab es keinen Asphalt.

00:07:42: Wie transportiert man einen tonnenschweren Stein über schlammige Wege, ohne dass er durch die ständigen Erschütterungen zerbricht?

00:07:49: Das war ein riesiges Problem.

00:07:51: Jeder dieser Ochsenkarren konnte maximal etwa eine Tonne laden.

00:07:55: Wegen der Ständigen Vibration auf den schlechten Wegen wurden die Steine oft nur grob im Steinbruch vorgeformt

00:08:01: Um Gewicht zu sparen.

00:08:03: Genau Aber die feine empfindliche Profilierung fand erst direkt auf der Baustelle statt um Brüche während der Fahrt zu vermeiden.

00:08:10: Das klingt nach einem quälend langsamen Prozess.

00:08:13: Wieder Versuch, eine moderne globale Lieferkette aufzubauen aber halt nur mit Pferden und Karren!

00:08:19: Und wo wir gerade beim Transport sind?

00:08:21: das Holzzeug war ja auch gigantisch.

00:08:24: Die Dachstühle über den Steingewölben erforderten gewaltige Holzbalken.

00:08:28: Fitchen beschreibt da diesen einen Eichenbalken in der Kathedrale von Swordsbury, den sogenannten Rootbeam.

00:08:35: Der war über vierundzwanzig Meter lang und fast eins Komma zwei Meter dick!

00:08:40: Wie bewegt man ein Holzkonstrukt von der Länge eines modernen Schwimmbäckens quer durchs Land?

00:08:45: Das erforderte oft wochenlange Planung.

00:08:48: Der Baum wurde von Hand gefällt im Wald grob behauen und dann von dutzenden Ochsenpaaren gezogen.

00:08:54: Über weiches Gelände rüsten Teams von Helfern ständig Holzrollen unter den Stamm legen und ihn zentimeterweise vorwärts ziehen.

00:09:02: Und auf der Baustelle angekommen, wie haben sie den hochbekommen?

00:09:05: Da nutzte man riesige menschenbetriebene Treträder.

00:09:08: Das sah ähnlich aus wie überdimensioniere Hamsterräder.

00:09:12: da liefen Arbeiter drin um über Flaschenzüge solche massiven Lasten überhaupt in die Höhe heben zu können.

00:09:17: Es bringt mich direkt zu der Frage nach der Belegschaft.

00:09:20: Man hat ja oft dieses romantische oder eher hollywoodmäßige Bild von einer endlosen Sklavenarmee im Kopf?

00:09:26: Ja, das ist ein weitverbreiteter Irrtum.

00:09:29: Fitchensbuch korrigiert das sehr deutlich – die Belegenschaft war keine Sklavanarmee sondern extrem strukturiert und professionell!

00:09:36: An der Spitze stand der leitende Baumeister,

00:09:38: oder?!

00:09:38: Genau.

00:09:39: Und darunter befanden sich hochbezahlte umherziehende Handwerker also Steinmetze, Ziemerleute, Gläser.

00:09:46: Das waren begehrte Spezialisten, die von Baustelle zu Baustellen durch ganz Europa zogen.

00:09:50: Aber diese Facharbeiter haben ja sicherlich nicht die Ochsenkarren durch den Schlamm gezogen?

00:09:54: Nein!

00:09:55: Dafür gab es die lokalen ungelernten Bauern als Hilfsarbeiter.

00:09:59: Laut Fitching kam auf einen hochspezialisierten Fachhandwerker etwa fünf bis sechs ungelernte Helfer.

00:10:05: Die mussten Materialwuchten und Mörtel mischen

00:10:07: Und genau da hakt es doch.

00:10:09: Man stellt sich ja vor, dass an diesen Gebäuden hundert Jahre lang jeden Tag ununterbrochen gehemmert wurde.

00:10:16: War das wirklich so ein fließender Prozess?

00:10:18: Überhaupt nicht!

00:10:20: Das ist eine weitere romantische Illusion.

00:10:22: die Fitschen komplett zerlegt.

00:10:24: Die Arbeitsabläufe waren extrem fragmentiert

00:10:27: Wegen der Bauern.

00:10:29: Genau im Frühjahr und dem Spätsommer mussten die Bauern zwingend auf ihre Felder zurückkehren wegen Aussaat-und Ernte.

00:10:35: Sonst wären ihre Familien schlichtweg verhungert.

00:10:38: Die Baustelle verlor dann schlagartig den Großteil ihrer

00:10:41: Muskelkraft.".

00:10:42: Okay, das heißt zweimal im Jahr brach die Logistik praktisch zusammen?

00:10:46: Aber es gab ja noch ein viel größeres Problem – dass den Baubuch stäblich eingefroren hat

00:10:50: oder?!

00:10:51: Der Winter!

00:10:52: Richtig….

00:10:53: Im Winter musste die Arbeit komplett ruhen und das lag nicht nur daran, dass es zu wenig Tageslicht gab oder so kalt war ….

00:10:59: Es lag an der Chemie des Kalkmörtels.

00:11:02: Ah, das ist dieser Punkt der mich beim Lesen völlig fasziniert hat.

00:11:06: Die Materialien selbst diktierten das Tempo!

00:11:09: Ganz genau – Dieser mittelalterliche Kalkmörtel enthielt viel Wasser.

00:11:13: Wenn es froh, dehnte sich das Wasser im frisch gemauerten Steinverbund aus und der Mörtel zerbröselte einfach.

00:11:18: Das

00:11:19: Mauerwerk hätte jegliche Stabilität verloren.

00:11:22: Sie durften im Winter also auf gar keinen Fall weiterbauen.

00:11:25: Sie mussten im Spätherbst die unfertigen Mauerkronen mit Stroh- und Mist abdecken um sie verfrost zu schützen.

00:11:30: Die ganze Baustelle wurde winterfest gemacht und stillgelegt.

00:11:33: Und dazu kam ja noch diese ständige unvorhersehmbare Geldknappheit, Fitschen beschreibt dass die Facharbeiter die Baustellen einfach verließen wenn dem Bauherrn das Geld ausging?

00:11:43: Ja!

00:11:43: Die Arbeit ging wirklich nur in Etappen voran.

00:11:46: Für die Baumeister war es völlig in Ordnung wenn ein ganzes Baujahr kaum Fortschritte in der Höhe brachte solange das modulare Grund gerüst bewahrt blieb.

00:11:55: Diese erzwungene Langsamkeit hatte aber einen anderen gewaltigen physikalischen Grund, den ich vorher nie kapiert hatte.

00:12:03: Wir stellen uns ja vor, Kalkmörtel funktioniert wie Zement – man mischt ihn, er trocknet in ein paar Tagen und wird

00:12:09: hart.".

00:12:10: Ein fantastischer Punkt!

00:12:12: Fitschen beschreibt sehr ausführlich dass dieser Kalk-Mörtel gar nicht durch einfaches Trocknen aushärtet….

00:12:17: Er bindet durch eine chemische Reaktion ab …

00:12:20: Die Karbonatisierung?

00:12:21: Richtig!

00:12:22: Er muss Kohlendioxid aus der Luft aufnehmen.

00:12:24: Exakt!

00:12:25: Der Mörtel braucht zwingend den Kontakt zur Luft.

00:12:29: Und jetzt stell dir einen massiven Pfeiler vor, der im Durchmesser vielleicht drei Meter misst.

00:12:34: Der Mörtel ganz außen reagiert schnell und wird hart.

00:12:37: Aber der Mörtel tief im Kern dieses riesigen Steinhaufens ist von der Luftzufuhr fast völlig abgeschnitten!

00:12:44: Richtig!

00:12:45: Fitschen erklärt das es oft viele Jahre dauerte bis der Mörtl in den tragenden Schichten im Inneren der Säulen vollständig durchgehärtet war.

00:12:54: Das ist doch wirklich unglaublich.

00:12:56: Das bedeutet, während die hundert Meter in die Höhe bauten, waren die gigantischen Säulen am Boden im Inneren eigentlich noch eine weiche feuchte Paste?

00:13:06: Ja.

00:13:07: Und wenn man dann zu ungeduldig war und zu schnell Gewicht darauf stapelte...

00:13:11: Minus

00:13:12: Dann zerdrückte das immense Gewicht der oberen Steine dennoch feuchten Mörtel in den unteren Schichten.

00:13:18: Er wurde einfach herausgepresst.

00:13:20: Genau das ist passiert!

00:13:22: Die Steine presten dann direkt aufeinander, zersprangen die Wände wölbten sich und das gesamte Bauwerk stürzte ein.

00:13:29: Es ist wirklich so als würde man ein hundert Meter hohes Kartenhaus bauen und dafür nassen Kleber verwenden der erst nach drei Jahren richtig trocknet.

00:13:37: Man muss zwingend abwarten sonst reißt Einfehler zehntausende Tonnen Stein mit in den Abgrund

00:13:42: Und katastrophale Einstürze waren leider keine Seltenheit.

00:13:46: Der riesige Kurraum in Beauvais ist spektakulär in sich zusammengebrochen.

00:13:51: Schätzungen zufolge erlitten mindestens siebzehn Prozent aller mittelalterlichen Kathedralen irgendwann einen massiven Einsturz.

00:14:06: Die

00:14:07: Lösung war eine zwingend modulare Bauweise, die Bauteile wie zum Beispiel die Gewölberippen mussten separat gefertigt werden.

00:14:16: Das Design wurde so berechnet, dass jede vertikale Sektion in sich stabil war.

00:14:21: So das falls ein Teil einstürzt nicht gleich die ganze Kathedrale mitgerissen wird?

00:14:25: Ganz genau!

00:14:26: Man hat das Risiko sozusagen isoliert.

00:14:29: Fitchen liefert in seinem Buch ja wirklich atemberaubendes Beispiel für dieses ständige Ringen mit der Schwerkraft.

00:14:36: Die Kathedrahle von Salzbury wir haben den riesigen Eichenbalken dort schon erwähnt.

00:14:41: Salzbury hat diesen ikonischen Turm und der war ursprünglich gar nicht geplant.

00:14:49: Nein, die ersten Baumeister hatten einen viel niedrigeren Turm im Sinn!

00:14:54: Der gigantische Steinturm mit der Nadel, den wir heute sehen wurde erst später von einer neuen Architektengeneration hinzugefügt.

00:15:02: Man stelle sich das mal vor – da steht die Kathedrale und dann beschließen sie tausende zusätzliche Tonnen Stein mitten auf das Gewölbe zu stapeln.

00:15:11: Fitschenbeschreib dass dieses ungeplante Gewicht die vier tragenden Säulen im Inneren gnadenlos zusammendrückte.

00:15:19: Ja, die Säule waren für dieses Gewicht nie ausgelegt!

00:15:23: Sie wurden so stark zusammen gepresst, das sie sich um alarmierende dreiundzwanzig Zentimeter nach außen wölbten – also fast neun Zoll.

00:15:31: Die gesamte hundert-dreiundzwantig Meter hohe Turmspitze fing an, sich gefährlich zu neigen.

00:15:36: Das Bauwerk stand kurz vor dem totalen Zusammenbruch.

00:15:39: Die Baumeister mussten in Panik hastig, einhundertzwölf zusätzliche Strebepfeiler und massive Stützbögen einbauen um eine Katastrophe in letzter Sekunde abzuwenden.

00:15:50: Einhundert zwölf Pfeiler!

00:15:52: Wenn man das alles liest.

00:15:54: die hohe Einsturzkote, die jahrelangen Baustops der Kampf gegen den weichen Mörtel da werfe ich doch als Leier ein.

00:16:02: Aber wenn so viele Gebäude eingestürzt sind, warum haben sie nicht einfach sicherer und niedriger gebaut?

00:16:08: Warum dieses extreme Risiko?

00:16:10: Weil es hier um ein theologisches Prinzip ging.

00:16:13: Das bringt Fidschen sehr gut auf den Punkt!

00:16:15: Die Geometrie und das Licht waren für die Menschen damals buchstäblich ein Abbild des Himmels auf Erden.

00:16:22: Dieses Streben nach Perfektion war ihnen also wichtiger...

00:16:26: Ja, es wog viel schwerer als die pragmatische Angst vor dem Einsturz.

00:16:30: Sie sahen es als ihre Pflicht an und tasteten sich an die absoluten Grenzen der Physiker ran.

00:16:36: Wenn wir die Erkenntnisse aus Fitchens Buch zusammenfassen dann sind das auf der einen Seite die genialen architektonischen Neuerungen?

00:16:44: Richtig!

00:16:44: Die Spitzbögen und das Strebewerk ermöglichten erst dieses göttliche Licht... ...und die enorme Höhe

00:16:50: Die ständigen Pausen im Winter, die extrem langsame Aushärtungszeit des Mörtels und diese abschnittsweise modulare Bauweise.

00:16:59: erst das machte es überhaupt möglich, diese gigantischen Steinskelette tatsächlich zu errichten.

00:17:05: Ohne diese Geduld wäre das gesamte theoretische Wissen der Baumeister völlig wertlos gewesen.

00:17:10: Und

00:17:10: genau da möchte ich mich direkt an dich wenden, der du uns gerade zuhörst.

00:17:15: Wenn du das nächste mal auf einem Platz vor so einer gewaltigen Kathedrale stehst und nach oben blickst dann sie nicht nur das fertige Kunstwerk.

00:17:22: Denk an den Schlamm und die harte Arbeit!

00:17:25: Ganz genau, denk an die jahrzehntelange von Kälte-und Geldnot geprägte Arbeit.

00:17:31: Denke an den Kalkmörtel tief im Inneren der Säulen, der jahrelang trocknen musste während alle hofften dass die Wände halten.

00:17:39: Denkt an das exakte Ausbalancieren von Hunderttausenden Tonnen Stein auf hauchdünn durchlässigen Wänden.

00:17:46: Ein fortlaufendes Ringen mit der Schwerkraft.

00:17:49: Ja Und um dir einen letzten, ziemlich provokativen Gedanken mit auf den Weg zu geben der diese menschliche Entschlossenheit zeigt.

00:17:57: Lass uns noch mal ganz kurz zu diesem schiefen Turm von Salisbury zurückkehren!

00:18:02: Selbst heute gibt es eine Arbeit an dieser Kathedrale die absolut frucht einflößend ist.

00:18:08: Du meinst das Warnlicht?

00:18:09: Genau – Ganz oben auf der Spitze des Turms gibt es ein kleines Warn-Licht für Flugzeuge Um das auszutauschen, klettern Arbeiter im Inneren der Turmspitze bis zu einer winzigen Wettertür.

00:18:20: Fast an der Spitze dieses hundert-dreiundzwanzig Meter hohen Turms steigen sie dann ins Freie

00:18:26: und müssen außen weiterklettern!

00:18:28: Richtig – Sie klettern Außen an Eisenensprossen hinauf und müssen sich fast hundertzwanziger Meter über dem Boden rückwärts über den Schlüsstein lehnen nur um dieses Licht zu wechseln.

00:18:39: Da frage ich dich… Was sagt das eigentlich über unseren menschlichen Antrieb aus?

00:18:44: Dass wir vor Jahrhunderten Gebäude planten und bauten, die so massiv und hoch sind dass wir selbst heute noch unser Leben riskieren müssen nur um ihre Spitze zu berühren.

00:18:54: Lass diesen Gedanken mal wirken!

00:18:56: Wir hören uns beim nächsten Mal.

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