Das Geheimnis der gotischen Baumeister - warum die Gotik ohne Maßband auskam

Shownotes

Warum die Gotik ohne Maßband auskam

Stell dir vor, du betrittst eine gotische Kathedrale: Hoch über dir scheinen steinerne Gewölbe beinahe schwerelos im Raum zu schweben, Licht strömt durch farbige Fenster, und jede Linie scheint Teil einer verborgenen Ordnung zu sein. Doch wie konnten mittelalterliche Baumeister mit einfachsten Werkzeugen Bauwerke erschaffen, die noch heute zu den größten technischen und ästhetischen Meisterleistungen der Menschheit zählen?

In dieser Folge reisen wir mitten hinein in die faszinierende Welt der gotischen Architektur und entdecken das geheimnisvolle geometrische Wissen hinter den Kathedralen des Mittelalters. Die großen Kathedralen entstanden nicht nach starren Bauplänen im heutigen Sinn – ihr Wachstum folgte vielmehr einer lebendigen Geometrie aus Proportionen, Kreisen, Dreiecken und konstruktiven Regeln, die den gesamten Bauprozess prägten.

Wir sprechen darüber, warum Geometrie für mittelalterliche Baumeister wichtiger war als exakte Maße, wie sich gotische Bauwerke über Jahrzehnte und Generationen hinweg organisch entwickelten und weshalb moderne Historiker die Entstehung dieser Architektur lange missverstanden haben. Wir tauchen ein in eine Welt, in der Mathematik, Handwerk, Spiritualität und schöpferische Vorstellungskraft noch untrennbar miteinander verbunden waren.

Das war eine weitere Folge von Zeitblicke – Geschichten, die Geschichte lebendig machen. Wenn dir diese Reise gefallen hat, folge dem Podcast für weitere Zeitreisen in vergangene Welten.

Diese Episode basiert auf dem Werk von Robert Bork: The Geometry of Creation. Architectural Drawing and the Dynamics of Gothic Design. Routledge, 2016 (Paperback, Hardcover, E-Book)

<https://www.amazon.de/Geometry-Creation-Architectural-Drawing-Dynamics/dp/1138247677>

Weitere spannende Einblicke in die Gotik findest Du in den Büchern von Sonja Ulrike Klug:

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Transkript anzeigen

00:00:00: Also stell dir mal vor, du stehst im Mittelschiff von so einer richtig gigantischen gotischen Kathedrale.

00:00:05: Ja das ist schon ein absolutes Wandsonsgefühl.

00:00:07: Genau dein Blick wandert da ja unweigerlich nach oben.

00:00:11: Du siehst diese unglaublich schlanken Säulen Diese scheinbar völlig mühelos in die Höhe schrauben.

00:00:17: Fast so, als würden Sie die Schwerkraft einfach komplett ignorieren?

00:00:21: Richtig!

00:00:21: Die wirken gar nicht wie übereinander gestapelte schwere Steinblöcke.

00:00:25: Es sieht eher so aus, als würde sie wie organische Pflanzen nach oben

00:00:28: wachsen Ja und sich dann weit über deinem Kopf In diesen komplexen Rippengewölben verzweigen Wie die Äste von so einem alten Baum.

00:00:35: Exakt.

00:00:36: Und genau an diesem Punkt steige ich gedanklich oft aus.

00:00:40: Wieso das?

00:00:41: Naja Wir sprechen hier von Bauwerken aus dem Mittelalter.

00:00:44: Die Menschen, die das erschaffen haben, die saßen ja nicht vor Computern.

00:00:47: Nein, definitiv nicht!

00:00:49: Die hatten keine KAD-Software um irgendwie dreidimensionale Modelle zu bringen und auch keine Programme, um die Statik oder Windlasten zu simulieren?

00:00:58: Ja, die waren im Grunde nur mit einem Zirkel und einem ganz einfachen Lineal ausgestattet.

00:01:03: Wahnsinn... Und da frage ich mich halt wie baut man an der Grenze der Physik wenn man als Werkzeug nur das hat was heute eigentlich in jedem Schulranzen liegt?

00:01:12: Das ist eine super Frage.

00:01:14: Architektur-Historiker haben über genau dieses Rätsel jahrhunderte lang debattiert und viele Theorien gingen da auch massiv in die falsche Richtung

00:01:23: Okay, aber in unserer heutigen Analyse also unserem Deep Dive in dieses Thema stützen wir uns ja auf ein ganz bestimmtes Buch das dieses Retzel löst.

00:01:32: Genau!

00:01:33: Die Erkenntnisse über die wir heute sprechen stammen aus dem Buch THE GEOMETRY OF CREATION von Robert Bork

00:01:39: Ein superspannendes Buch.

00:01:41: Ja, total.

00:01:42: Borg hat etwas getan was lange vernachlässigt wurde.

00:01:45: er hat sich die originalen Entwurfszeichnungen aus der Gotik angesehen und zwar nicht nur als hübsche Bilder sondern wirklich als technische Dokumente.

00:01:54: dass wir überhaupt noch originale Baupläne aus dem Mittelalter haben ist ja an sich schon bemerkenswert finde ich absolut.

00:02:01: Wir reden hier von Pergament.

00:02:02: das ist extrem empfindlich.

00:02:04: borg erwähnt in den Buch des weltwald noch etwa sechshundert dieser originalen gotischen Architekturzeichnungen existieren und lustigerweise liegen über vierhundertvierzig davon im Archiv in Wien.

00:02:15: Das ist eine enorme historische Schatzkammer!

00:02:18: Und für moderne Architek-Touristoriker sind diese Pergamente wirklich von unschätzbarem Wert.

00:02:23: Warum genau?

00:02:24: Ich meine, wenn wir wissen wollen wie eine Kathedrale aussieht könnten wir einfach auf den Marktplatz gehen und das fertige Gebäude vermessen oder?

00:02:30: Ganz genau Da gab es Fundamente, die sich während des Baus gesenkt haben.

00:02:35: Handwerker haben sich schlichtweg verhauen oder das Geld ging aus und man musste den Plan spontan ändern.

00:02:41: Die

00:02:41: reale Baustelle war also voll von Pragmatismus und Fehlern Richtig!

00:02:46: Die Zeichnung hingegen zeigt die reine unverfälschte Idee im Kopf des Baumeisters.

00:02:52: Also bevor die Realität zuschlägt

00:02:54: Lass mich das mal für unsere Zuhörer mit etwas alltäglichem vergleichen.

00:02:58: Das ist im Grunde, als würde man das handschriftliche Notizbuch von einem Sternekoch finden.

00:03:02: Oh ja schöner Vergleich!

00:03:03: Weil wenn wir nur die fertige Kathedrale betrachten dann sehen wir nur den fertig gebackenen Kuchen.

00:03:09: Wir können denen essen und sagen dass er schmeckt aber wir kennen das genaue Rezept nicht.

00:03:14: Empathie nennt

00:03:16: Empathies mit einem toten Architekten.

00:03:18: Ja genau, man darf das Pergament nicht nur passiv anschauen.

00:03:21: Man muss den Zirkel nehmen in den exakt dieselben winzigen Löcher stechen und die Linienführung physisch nachahmen.

00:03:28: Wartet!

00:03:28: Man sieht die echten Einstichlöcher im Pergament noch?

00:03:32: Ja unter dem Vergrößerungsglas findet man diese winzige Einstiche... ...und auch sogenannte blinde Konstruktionslinien.

00:03:38: Das sind feine Rillen im Material, der der Architekt als Hilfslinien gezogen aber später nie mit Tinte nachgemalt hat.

00:03:45: Krass.

00:03:46: Und durch dieses praktische Nachkonstruieren konnte Borg unwiderlegbar beweisen, dass beim Bau dieser Giganten eine Methode herrschte die wir heute fast völlig vergessen haben.

00:03:57: Nämlich die reine Geometrie!

00:03:59: Und damit sind wir eigentlich beim Kernkonflikt den wir heute aufdröseln wollen.

00:04:04: also dieser epische Kampf auf der mittelalterlichen Baustelle, Geometri auf der einen Seite und modulares Bauern auf der anderen.

00:04:13: Genau das ist der entscheidende Punkt.

00:04:15: Klären wir vielleicht zuerst, wie wir heute normalerweise denken.

00:04:18: Wir bauen ja heute Modular

00:04:20: Richtig!

00:04:21: Modulares Bauen ist das was wir alle kennen.

00:04:24: Es bedeutet einfach dass man in festen Längenmaßen denkt Also Zentimeter Meter oder im Mittelalter eben Fuß und Zoll.

00:04:32: Das ist ein statisches Raster sozusagen

00:04:35: Exakt.

00:04:36: Man legt eine Grundeinheit fest.

00:04:38: Sagen wir mal einen Meter.

00:04:40: Ein Raum wird dann zehn Meter lang und fünf Meter breit.

00:04:44: Das ist einfache und übersichtliche Arithmetik.

00:04:46: Es

00:04:47: gibt da ein Superbeispiel in Borgs Buch, das zeigt wie sehr wir in diesem Rasterdenken gefangen sind!

00:04:53: Es geht um einen älteren Architektur-Historiker namens Konrad Hecht.

00:04:59: Die Hechtgeschichte ist ein perfektes Beispiel.

00:05:01: Hecht hat den Turm des Freiburger Münster untersucht – er hat die Wandstärken gemessen.

00:05:08: Die eine Wand ist exakt yüzundneunzig Zentimeter dick und die andere achtundneunsig Zentimeter.

00:05:14: Jeder Laie, der das jetzt hört, erkennt sofort das Verhältnis.

00:05:17: Hundertsechsundneinzig ist genau das Doppelte von Achtundneundzig!

00:05:20: Ja ein sauberes Verhältnis von zwei zu eins.

00:05:23: Die Baumeister haben also einfach eine Wand exakt doppelt so dick gemacht wie die andere – ein rein geometrisches Verhältnes.

00:05:30: Aber Konrad Hecht war wohl so besessen von der Idee, dass im Mittelalter alles mit festen Maßbändern-Modular geplant wurde.

00:05:36: Dass er das einfach nicht akzeptieren wollte!

00:05:39: Er hat dann total wild hin und her gerechnet, er behauptete die Handwerker hätten eigentlich sechs Fuß- und drei Zoll für die eine.

00:05:48: Und drei Fuß-und drei Zollen für die andere Wand anvisieren.

00:05:52: Was

00:05:52: dann so in etwa hundert vierundneinzig und einhundert einen Zentimetern entsprechen würde?

00:05:57: Genau!

00:05:58: Und weil die echten Wände jahrhundertsechsund neunzig und achtundneunzig Zentimeter dick waren kam Hecht ernsthaft zu dem Schluss das die Steinmetze sich einfach massiv vermessen

00:06:07: haben.

00:06:08: Das ist doch irre.

00:06:09: Er erfindet Konstruktionsfehler, wo gar keine waren nur um sein starres Messsystem zu retten.

00:06:16: Das ist ein klassischer Bestätigungsfehler!

00:06:18: Er verstand einfach nicht dass die Baumeister der Gotik nicht mit dem Maßband gearbeitet haben.

00:06:23: Borg nennt diese geometrische Planung stattdessen einen Prozess des Entfaltens.

00:06:27: Prozess

00:06:28: Des entfalten?

00:06:29: Wie muss ich mir das als Laie vorstellen?

00:06:31: wenn ich nicht messen darf wie komme ich dann von einer Mauer zur nächsten?

00:06:35: Stell dir vor, du zeichnest einen Quadrat auf den Boden.

00:06:38: Das ist der Grundriss von deinem Turm!

00:06:41: Wenn Du jetzt die nächste etwas kleinere Ebene des Turms entwerfen willst, dann nimmst Du kein Lineal...

00:06:46: Okay

00:06:47: Sondern?

00:06:47: Du setzt einfach die Zirkelspitze an eine Ecke des Quadrats, ziehst den Zirkle bis zur Mitte auf und schlägst ein Bogen.

00:06:54: Ah okay.

00:06:54: Durch solche simplen Rotationen- und Kreisbögen – das nennt man übrigens Quadratur oder Oktatur – wächst aus diesem simplen Quadrat fast wie von selbst ein Achteck heraus.

00:07:04: Und das Geniale daran ist ja, was mathematisch im Hintergrund passiert.

00:07:08: Auch wenn der Zeichner das damals vielleicht gar nicht in Zahlen fassen konnte... Genau!

00:07:12: ...weil wenn ich etwa die Diagonale von einem Quadrat nehme und sie als neue Seitenlänge verwende dann lande ich ganz schnell bei irrationalen Zahlen zum Beispiel bei der Wurzel aus zwei.

00:07:22: Richtig!

00:07:22: Und die Wurzeln aus zwei mit einem Zollstock abzumessen ist unmöglich.

00:07:26: Ja es eine endlose Kommazahl, eins Komma vier Eins Vier und so weiter.

00:07:31: Ein Maßband ist da nie exakt genug Aber mit dem Zirkel ziehe ich den Bogen einfach rüber und zack, ich habe eine absolut perfekte markeloße Länge konstruiert.

00:07:41: Und deshalb vergleicht Robert Borg die gotische Geometrie ja auch oft mit pflanzlichen Wachstum oder Kristallen!

00:07:48: Jeder neue Schritt ergibt sich zwingend aus dem Vorherrigen.

00:07:51: Es wächst von innen nach außen.

00:07:53: Exakt Während dieses modulare System mit festen Zahlen einfach nur eine statische Beschreibung ist.

00:08:00: Okay, warte mal!

00:08:01: Da muss ich jetzt kurz reingrätchen weil mir das fast schon zu theoretisch wird.

00:08:05: Klar, schieß los!

00:08:06: Stell dir jetzt mal ne echte mittelalterliche Großbaustelle vor Das unglaublich viel Lärm.

00:08:11: da is Staub überall Rennenarbeiter rum und behauen tonnenschwere Steinquader.

00:08:17: Ist es in diesem Chaos nicht zehntausend mal einfacher, dem Steinmetz einfach einen Holzstock in die Hand zu drücken und zu sagen hey macht das Tor genau fünf von diesen Stöcken breit?

00:08:25: Anstatt da irgendwie mit irrationaler Zirkelgeometrie anzufangen.

00:08:30: Das klingt im ersten Moment total logisch aber dein Gedanke übersieht ein massives logistisches Problem aus der Mittelalter

00:08:37: Welches

00:08:38: Du gehst davon aus dass alle Arbeiter wussten wie lang dieser Holzstock ist.

00:08:42: Aber diese Bauteams, das waren oft Wanderhandwerker.

00:08:45: Die kamen aus völlig verschiedenen Regionen zusammen.

00:08:48: Ah

00:08:48: verstehe und es gab keine Standardisierung damals?

00:08:50: Null!

00:08:51: Ein Fuß in Paris hatte eine völlig andere Länge als ein Fuß in Köln Und der in Freiburg war wieder komplett anders.

00:08:57: Wenn du also sagst mach die Mauer zehn Fuß lang Dann baut dir der Kölner Arbeiter ne ganz andere Mauer als der Pariser.

00:09:03: Oh wow

00:09:03: Das heißt weil das Maßband an sich völlig unzuverlässig war Brauchte man ein System, das komplett ohne fixe Längeneinheiten auskommt?

00:09:12: Ganz genau.

00:09:13: Und eine geometrische Anweisung ist absolut universell!

00:09:17: Wenn die Anweisungen auf der Baustelle lautet – Die Breite von Bauteil A entspricht exakt der Diagonale des Quadrats von Bausteil B dann ist es eine unumstößliche Wahrheit.

00:09:28: Ja, das funktioniert immer

00:09:29: Völlig egal wie groß oder klein der Fuß vom jeweiligen Handwerker ist.

00:09:34: Geometrie war in dieser Welt ohne genormte Maße die einzige universelle Kommunikationsform.

00:09:40: Geometri also quasi als das Esperanto der mittelalterlichen Architektur, das ist genial!

00:09:45: Das nordische System war nicht nur ästhetisch schön sondern hochgradig pragmatisch.

00:09:50: Absolut

00:09:51: Aber.

00:09:51: und dass es ja eine superspannende Wendung in Borgs Buch – als dieser gotische Stil dann über Alpen nach Süden wanderte da stieß er in Italien auf eine massive kulturelle Mauer.

00:10:02: Ja, Italien war damals kulturell ein komplett anderer Raum.

00:10:06: Diese reine nordische Gotik wo ein Gebäude organisch aus einem geometrischen Kern wächst die hat sich in Italien nie wirklich durchgesetzt.

00:10:15: Sie haben zwar so ein paar Details übernommen oder?

00:10:18: Genau man fand bestimmte Motive ganz schick einen Spitzbogen hier ein Kreuzrippengewölbe da aber die tiefe Konstruktionslogik dahinter.

00:10:26: die hat man vehement abgelehnt.

00:10:28: Aber warum wert man sich gegen so ein praktisches System?

00:10:30: Wobei, wenn man durch Rom oder Florenz läuft wird das eigentlich schnell klar.

00:10:34: Man ist daher buchstäblich umzingelt von der eigenen riesigen Geschichte.

00:10:38: Das Pantheon, das Kolosseum die alten Aquidukte Die Überreste des antiken römischen Reiches waren einfach omnipräsent

00:10:45: Und die Römer haben völlig anders gebaut?

00:10:47: Exakt Der berühmte römische Theoretiker Wietruf hatte ja schon Jahrhunderte zuvor genau aufgeschrieben wie gute Architektur funktioniert Und klassische römische Architektur basiert auf festen Proportionen, auf Modulen und auf ganz klaren arithmetischen Brüchen.

00:11:04: Das war also das Fundament der Italiener – das ist so ein bisschen als würde man versuchen, extrem modern freie Jazz in eine traditionelle klassische Oper einzubauen!

00:11:13: Das ist ein richtig guter Vergleich...

00:11:15: Die Italienern hörten diese neuen wilden Töne aus Frankreich, fanden das auch ganz interessant, wollten aber ihren eigenen Antikenrhythmus einfach nicht aufgeben….

00:11:22: Es ging da stark um historisches Selbstbewusstsein, ein nordisches geometrisches System komplett zu übernehmen.

00:11:29: Das hätte für die Italiener bedeutet ihr eigenes visuelles Erbe zu verleugnen!

00:11:33: Die italienische Gotik war deshalb immer ein Versuch diesen neuen Stil zu zähmen und in ihr klassisches modulares Korsett zu zwingen.

00:11:41: Wie sah dieser Kulturkläsch denn dann auf dem Zeichenbrett aus?

00:11:44: Borg widmet sich dafür ja den ältesten erhaltenen Architekturzeichnungen Italiens.

00:11:49: Also wir reisen gedanklich zur Kathedrale von Ovietto.

00:11:52: Oh, ja!

00:11:53: Die Fassare vom Dom in Ovieto ist wirklich atemberaubend schön und Wir haben das Glück dass wir zwei zentrale Entwurfszeichnung für diese Fassade studieren können.

00:12:03: In der Forschung nennt man die einfach O-I und O-II.

00:12:06: fangen wir mit oeins an.

00:12:07: Das ist der ältere entwurf

00:12:08: genau.

00:12:09: Und wenn man sich O-I ansieht, dann wirkt der noch sehr nordisch geprägt.

00:12:13: Die Linie zieht stark nach oben und das Design ist total schlank und wird von vier sehr dominanten Giebeln gekrönt.

00:12:20: Dann gibt es die zweite Zeichnung, also O-II.

00:12:24: Die wird ja Lorenzo Maittani zugeschrieben.

00:12:26: Der war Werkmeister in Ovietto sovon fromm von Trenzehnhundertzehn bis Treizehnhunderteißig.

00:12:31: Richtig!

00:12:32: Und O- II sieht schon deutlich anders aus... ...die Fassade ist breiter Sie wirkt gedrungener, sie ruht viel mehr in sich selbst und hat sechs Giebel statt vier.

00:12:43: Das kommt dem tatsächlich gebauten Gebäude schon sehr nah.

00:12:45: Das Faszinierende ist ja wie moderne Kunsthistoriker jahrzehntelang versucht haben das zu erklären also wie dieser Lorenzo Maittani zu diesem harmonischen italienischen Design kam.

00:12:56: Ja da gab es abendwollige Theorien.

00:12:59: ein Forscher namens Ascani hat zum Beispiel behauptet dass Maittanis für diesen Entwurf einen unfassbar kompliziertes mathematisches Raster verwendet hat.

00:13:07: Angeblich hat er ständig versucht, zwei völlig unterschiedliche Längenmaße miteinander zu verrechnen.

00:13:12: Ja das toskanische Längemaß die Braccia Aterra mit etwa fünfundfünfzig Zentimetern und den lokalen Fuß aus Orvieto der bei fast dreißig Zentimetren lag.

00:13:23: also Die Theorie war ernsthaft dass dieser Baumeister da saß und versuchte Proportionen zu finden die rechnerisch in beiden krummen Systeme irgendwie glatt aufgehen.

00:13:33: Ja genau, das hat man behauptet.

00:13:35: Das klingt doch nach einem absoluten Albtraum!

00:13:38: Auf Papier mag es ja noch gehen aber wenn man das dann den Handwerkern auf der Baustelle erklären muss ist es doch extrem fehleranfällig.

00:13:46: Es ist in der Praxis völlig unbrauchbar und Robert Borg demontiert diese mathematische Theorie in seinem Buch auch komplett

00:13:53: Mit seiner Empathie-Methode richtig?

00:13:55: Exakt Er hat die Einstichlöcher des Zirkels in den Zeichnungen gesucht und die Linie nachvollzogen.

00:14:02: Und er konnte beweisen, dass Maitani überhaupt keine Arithmetik benutzt hat – weder für O-I noch für O II.

00:14:09: Beide Entwürfer basieren auf einem unglaublich sauberen System von ineinander verschachtelten Achtecken.

00:14:15: Also Octagone?

00:14:17: Um sich das visuell vorzustellen man nimmt einfach die Breite des Kirchenschiffs als Basislinie.

00:14:23: Darauf konstruiert man mit dem Zirkel ein großes Achteck und da rein zeichnet man ein kleineres usw.

00:14:30: Ganz genau!

00:14:32: Und das Erstaunliche an dieser reinen Zirkelgeometrie ist, was am Ende als Proportion dabei herauskommt.

00:14:39: Nämlich

00:14:40: Wenn man das Kirchenschiff als den Wert ¼ definiert dann haben die verschiedenen verschachtelten Achtecke exakt die Proportionen dann – eins Komma Null und Null Komma Fünf zueinander.

00:14:56: Wahnsinn!

00:14:57: Das heißt, Lorenzo Maittani bekam durch das simple Schwingen von seinem Zirkel wunderschöne glatte Zahlenverhältnisse ohne jemals auch nur einen einzigen komplizierten Bruch berechnen zu müssen.

00:15:08: Das ist der absolute Kern der Sache.

00:15:11: Er hat fließend in der geheimen Sprache der nordischen Biometrie gedacht Und bei der finalen Fassade, die dann wirklich gebaut wurde hat er sogar gezeigt wie unfassbar flexibel dieses System ist.

00:15:28: Add Triangulum-System, also eine Dreiecks-Geometrie clever darüber gelegt.

00:15:33: Warum wechselt man den plötzlich von acht Ecken zu drei Ecken?

00:15:36: Aus reiner Notwendigkeit!

00:15:38: Er brauchte auf der Fassade schlichtweg Platz um die berühmten Statuen über der großen Fensterrose unterzubringen.

00:15:45: Das Achteg hätte die Statuen optisch erdrückt

00:15:49: Also ließ er das System einfach organisch weiterwachsen.

00:15:52: Er löst ein praktisches Problem auf eine extrem elegante Weise

00:15:56: Ja, ein echtes Meisterwerk der Anpassung.

00:15:59: Aber da drängt sich mir eine Frage auf Wenn diese Zirkelgeometrie von Maittani so elegant und logisch war Warum haben moderne Historiker wie dieser Askani dann so viel Energie verschwendet ihm die Irrsinnengerechnerei zu unterstellen?

00:16:13: Das ist ein sehr lehrreiches Phänomen in der Forschung.

00:16:16: Historiker neigen manchmal dazu, die Werkzeuge ihrer eigenen Spezialgebiete rückwirkend auf andere Epochen zu projizieren.

00:16:26: Wie meinst du das genau?

00:16:27: Viele dieser Forscher kannten sich hervorragend mit der Architektur de Renaissance aus und in der Renaissance hat man tatsächlich wieder extrem viel gerechnet, gemessen und modular gebaut.

00:16:39: Sie gingen einfach davon aus dass Maittani das fifteenhundert Jahre vorher auch schon so gemacht haben muss.

00:16:46: Ein klassischer Denkfehler.

00:16:48: Man stöbt die Methoden einer späteren Epoche über das Mittelalter und verfeelt die Realität

00:16:52: komplett.".

00:16:52: Genau, sie haben nicht erkannt dass Maittani die komplexe Sprache der mittelalterlichen Geometrie sprach.

00:17:00: Lorenzo Maittany nutzte den Code des Nordens aber er passte ihn so an, daß am Ende eine gedrungenere ruhigere Fassade entstand – eine, die perfekt zu italienischen Ästhetik passte!

00:17:11: Wenn wir all das jetzt mal zusammennehmen, was wir heute aus Borgs Buch gelernt haben.

00:17:16: Das ändert unseren Blick auf diese Gebäude doch fundamental.

00:17:19: Absolut!

00:17:20: Der Bau einer gotischen Kathedrale war kein bloßes Ausprobieren nach dem Motto Schauen wir mal ob der Turm stehen bleibt?

00:17:26: Es war aber auch kein stumpfes Abarbeiten von Längenmaßen aus einer Excel-Tabille.

00:17:30: Nein überhaupt nicht.

00:17:32: es war ein fast magischer Akt der Geometrie.

00:17:35: Ein einziger Zirkelschlag entfaltete sich völlig organisch in den nächsten, bis dann aus einer flachen Zeichnung ein dreidimensionales Wunderwerk in den Himmelwuchs.

00:17:44: Wie ein liebendiger Organismus der aus einem geometrischen Kern entsteht.

00:17:48: Besser kann man es nicht sagen!

00:17:50: Und genau diesen provokanten Gedanken möchte ich dir lieber Zuhörer zum Schluss noch mit auf den Weg geben – wenn du das nächste Mal durch eine moderne Stadt läufst.

00:18:00: Heute entwerfen wir Gebäude ja mit hochpräzisen CAD-Programm auf den Millimeter genau.

00:18:05: Alles ist streng getaktet nach Rastern und Modulen unfassbar effizient.

00:18:10: Sehr steril

00:18:11: oft!

00:18:12: Genau, wenn du das nächste Mal vor so einem sterilen modernen Büroblock stehst dann stell dir doch mal die Frage haben wir durch den Verlust dieser mittelalterlichen Wachstumsgeometrie?

00:18:23: Durch das Weglegen des Zirkels vielleicht nicht nur eine handwerkliche Technik verlernt Sondern haben wir im Streben nach purer Berechenbarkeit vielleicht auch die Seele und das organische Leben in unsere Architektur eingebüßt?

00:18:35: Mein sehr schöner Gedanke!

00:18:37: Etwas, dass man gut bewegen kann wenn man das nächste Mal in einer gotischen Kathedrale steht und nach oben schaut.

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