Europa im Mittelalter - Wie Eroberung und Besiedlung einen Kontinent formten

Shownotes

Europa im Mittelalter - Wie Eroberung und Besiedlung einen Kontinent formten

Vergiss das Bild vom stagnierenden, düsteren Mittelalter – wir nehmen dich mit auf eine Reise in eine Zeit voller Aufbruch und Wandel. In dieser Folge entschlüsseln wir die Kräfte, die zwischen 950 und 1350 das Fundament für das heutige Europa legten. Wir zeigen, wie Bevölkerungsdruck, wirtschaftliche Anreize und militärische Innovationen zu einer beispiellosen Expansion führten – und wie die Kirche mit eiserner Hand für kulturelle Einheit sorgte. Du erfährst, warum neue Dörfer entstanden, wie einflussreiche Lokatoren als Projektmanager des Mittelalters agierten und weshalb Ortsnamen noch heute von dieser Epoche erzählen. Am Ende wirst du das Mittelalter mit völlig neuen Augen sehen – und vielleicht sogar Hinweise darauf in deiner eigenen Umgebung entdecken.

Das war eine weitere Folge von Zeitblicke – Geschichten, die Geschichte lebendig machen. Wenn dir diese Reise gefallen hat, folge dem Podcast für weitere Zeitreisen in vergangene Welten.

Diese Episode basiert auf dem Werk von Robert Bartlett: The Making of Europe. Conquest, Colonization and Cultural Change 950 - 1350. Penguin 1994. (Paperback, Hardcover, E-Book) https://www.amazon.de/Making-Europe-Conquest-Colonization-Cultural/dp/0140154094

Weitere spannende Einblicke in die Geschichte des Mittelalters findest du in den Büchern von Sonja Ulrike Klug: https://www.amazon.de/s?k=Sonja%20Ulrike%20Klug

Transkript anzeigen

00:00:00: Vergiss einfach mal dieses düstere, völlig verregnete Bild vom Mittelalter.

00:00:04: Wo alle nur im Schlamm stehen und auf bessere Zeiten warten!

00:00:08: Ja... Dieses Bild hält sich hartnäckig aber es ist komplett falsch.

00:00:12: Absolut!

00:00:13: Denk lieber an einen gerissenen Immobilienmakler aus dem zwölften Jahrhundert der heuert verzweißelte Bauern an um irgendwie einen lebensfeindlichen Sumpf in Osteuropa in profitables Ackerland zu verwandeln.

00:00:27: Ein viel treffenderes Bild.

00:00:28: Find ich auch Damit ein herzliches Willkommen zu unserer heutigen Analyse.

00:00:33: Du, der uns gerade zuhört sitzt hier gedanklich als unser dritter Gast direkt mit am Tisch!

00:00:39: Wir knöpfen uns heute eine Ära vor die unsere Welt bis heute extrem prägt.

00:00:44: Genau wir schauen auf die Zeit zwischen den Jahren neunhundertfünfzig und treizehnhundertfünftig

00:00:49: Und das tun wir gestützt auf die weitreichenden Erkenntnisse des britischen Historikers Robert Bartlett.

00:00:56: Wir schauen uns sein Buch The Making of Europe im Detail an!

00:01:00: Ein wirklich fantastisches Werk, denn diese Epoche leidet sag ich mal unter einem gewaltigen PR-Problem.

00:01:07: Oh ja, das Etikett Dunkles Zeitalter Richtig

00:01:10: – Das suggeriert so eine tiefgreifende Stagnation, eine Gesellschaft, die jahrhundertelang einfach feststeckte.

00:01:18: Aber Bartlett belegt meisterhaft, dass das exakt das Gegenteil der Fall war.

00:01:23: Es war also keine Zeit des Stillstands?

00:01:25: Überhaupt

00:01:26: nicht!

00:01:26: Wir sprechen hier über eine hochdynamische Ära.

00:01:29: Da gab es enormes wirtschaftliches Wachstum Eine beispiellose territoriale Expansion und – was wir nicht vergessen dürfen – einen rasanten kulturellen Wandel.

00:01:39: Bevor wir da reingehen müssen uns kurz die Ausgangslage vor neunhundertfünfzig anschauen.

00:01:44: Westeuropa war ja eigentlich in einem ziemlichen Überlebenskampf oder

00:01:47: Ja, absolut.

00:01:48: Westeuropa war quasi eingekeilt – im Norden die Invasion der Wikinger, aus dem Osten trinken die Ungarn und im Süden dieser Zähnen.

00:01:57: Eine permanente Bedrohung?

00:01:59: Genau!

00:02:00: Aber als diese äußere Druck schließlich nachließt, entlud sich diese ganze aufgestaute Energie in einer Ja, in einer unglaublichen Kreativität und Expansionslust.

00:02:11: Und genau diesen Mechanismus wollen wir heute entschlüsseln!

00:02:14: Wie wurde aus so einer Ansammlung zersplitteter verängstigter Regionen das Fundament für das heutige Europa?

00:02:20: Das ist die große Frage.

00:02:22: Wir betrachten wie sich die Bevölkerung ausbreitete, wie Landschaften umgestaltet wurden und wie militärischer und religiöse Mächte den Kontinent unwiderruflich formten.

00:02:31: Um das zu verstehen, müssen wir aber beim grundlegendsten Faktor ansetzen.

00:02:35: Bei den Menschen selbst?

00:02:36: Ganz genau!

00:02:37: Wenn sich die Grenzen eines Kontinents verschieben braucht es ja eine gewaltige demografische Bewegung.

00:02:42: Die Demographie war definitiv der absolute Motor dieser Entwicklung.

00:02:47: Die Bevölkerung in den westeuropäischen Kerngebieten wuchs in dieser Zeit rasant an.

00:02:52: Kerngebiete heißt in diesem Fall was genau?

00:02:54: Das ist das heutige Frankreich, Flandern oder eben die westlichen deutschen Regionen Und dieses rasante Wachstum führte zu einem massiven Bevölkerungsdruck.

00:03:03: Es wurde also einfach zu eng?

00:03:05: Ja, es gab schlichtweg nicht mehr genug vererbbaren Boden für all die nachgeborenen Söhne und Töchter.

00:03:11: Bartlett vergleicht die Ausmaße dieser Auswanderungswellen in ihrer historischen Bedeutung sogar mit der Völkerwanderungszeit der Spätantike.

00:03:19: Esstaunlich!

00:03:21: Die Menschen strömten wirklich an die Peripherien – auf die Iberische Halbinsel im Süden oder in riesigen Wellen über die Elbe hinaus in den Osten.

00:03:30: Da drängt sich mir direkt eine logistische Frage auf!

00:03:34: Wir reden hier vom Hochmittelalter, es gab keine Eisenbahnen, keine Reisebüros – wie also funktioniert das in der Praxis?

00:03:42: Das ist eine gute Frage!

00:03:44: Ich meine wenn eine Familie aus Flandern beschließt in ein Waldgebiet im heutigen Polen zu ziehen liefen sie einfach Hunderte Kilometer zu

00:03:52: Fuß?

00:03:53: Im Grunde ja.

00:03:55: Der Landweg, auf den sich diese Migration beschränkte hatte den unschlagbaren Vorteil der geringen Kosten.

00:04:00: Anders als bei späteren Auswanderungen.

00:04:02: Richtig!

00:04:04: Bei der späteren Besiedlung Amerikas zum Beispiel war die Ozeanüberquerung eine enorme finanzielle Hürde.

00:04:10: Im zwölften Jahrhundert hingegen packte eine Familie einfach ihr Hab und Gut auf einen simplen Karren.

00:04:14: Und

00:04:15: wenn man Glück hatte gab es ein Pferd dazu.

00:04:17: Genau – wer wohlhabend war, spannte ein und kotzen oder einen Pferdd davor und schloss sich einem Treck an.

00:04:23: Aber viele gingen tatsächlich einfach zu Fuß.

00:04:27: Das Risiko war hoch, aber die Einstiegshürde war denkbar

00:04:30: niedrig.".

00:04:31: Das beantwortet das Wie?

00:04:33: Aber das Warum lässt mich immer noch stolpern!

00:04:36: Das hört sich für mich an wie so eine Art mittelalterlicher Goldrausch – nur dass sie eben nicht nach gold gesucht haben sondern nach Ackerland.

00:04:44: Aber ein Bauer verlässt doch nicht sein halbwegs sicheres Leben in Frankreich, um wochenlang durch den Schlamm zu marschieren und am Ende vor einem undurchdringlichen Moor in Osteuropa zu stehen.

00:04:55: Nee natürlich nicht grundlos!

00:04:56: Ein Wald wirft ja auch kein Getreide ab – da muss es doch einen massiven Anreiz gegeben haben, sich diese Knochenarbeit überhaupt anzutun?

00:05:03: Lief das völlig chaotisch

00:05:04: ab?!

00:05:05: Nein, überhaupt nicht chaotish….

00:05:07: Und dieser Anreize, den du ansprichst der war der Schlüssel zur gesamten Expansion.

00:05:12: Wer in diesen Randgebieten neues Land besiedelte, stand vor einer brutalen physischen Aufgabe.

00:05:21: Und um Menschen für diese gewaltige Kraftanstrengung ins Unbekannte zu locken, sahen sich die herrschenden Feudalherren gezwungen, die sozialen Spielregeln drastisch zu verändern.

00:05:31: Sie

00:05:32: schufen das rechtliche Konzept des freien Dorfes.

00:05:34: In den damaligen Urkunden wird es oft als Franka oder Libera bezeichnet.

00:05:40: Warte mal, das bedeutet diese Bauern waren vorher nicht frei?

00:05:43: Die Mehrheit nicht.

00:05:44: Nein!

00:05:44: In den Kerngebieten lebte die Mehrheit der Bauern in der sogenannten Leib-Eigenschaft oder sie waren stark von Frontdiensten abhängig.

00:05:51: Also

00:05:51: Zwangsarbeit für den lokalen Herrscher

00:05:53: Genau.

00:05:54: Sie mussten oft mehrere Tage in der Woche unbezahlte Arbeit auf den Feldern ihres Gutsherren verrichten bevor sie überhaupt ihr eigenes kleines Feld bestellen durften.

00:06:03: Das klingt nach einem ziemlich erdrückenden System.

00:06:06: War es auch?

00:06:07: Sie durften das Land oft nicht verlassen und die Abgaben waren enorm hoch.

00:06:12: Im neuen Land hingegen sah der Deal völlig anders aus!

00:06:15: Wie sah dieser Deal dann konkret aus?

00:06:17: Bartlett zitiert hier intensiv aus dem Sachsenspiegel, das war eines der wichtigsten Rechtsbücher jener Zeit.

00:06:24: Bauern, die unwirtliches Land rodeten erhielten ärbliche Pachtverträge

00:06:29: Das ist ein riesiger Unterschied

00:06:31: Absolut Und sie waren von diesen lästigen Frondiensten befreit.

00:06:35: Sie zahlten stattdessen festgelegte verlässliche Mieten in Form von Geld oder Naturalien.

00:06:40: Wenn ich mir das jetzt mal aus der Perspektive von so einem mächtigen Herzzug betrachte, klingt das aber zunächst nach nem schlechten Geschäft.

00:06:47: Warum?

00:06:48: Naja... Ich gebe meine direkte Macht über diese Zwangsarbeiter auf und garantiere ihnen auch noch erbliche Rechte!

00:06:55: Das klingt fast nach einer plötzlichen sozialen Ader.

00:06:59: Waren die Adligen plötzlich von Wohltätigkeit

00:07:02: ergriffen?!

00:07:02: Von Philanthropie findet sich in den Quellen wirklich keine einzige Spur.

00:07:07: Hab' ich mir fast gedacht….

00:07:08: Die adligen und kirchlichen Grundherren waren extrem kühl kalkulierende Wirtschaftsakteure.

00:07:14: In den historischen Urkunden tauchen permanent so lateinische Begriffe auf wie Miliorazio, also Verbesserung und Utilitas für Nützlichkeit.

00:07:22: Es ging also rein um den Profit

00:07:24: Vollkommen.

00:07:26: Ein riesiger unerschlossener Wald brachte einem Herrscher absolut nichts ein Keine Steuern kein Getreide keinen Reichtum.

00:07:33: Ein Wald ist im Grunde totes Kapital für die gewesen

00:07:36: Völlig richtig erfasst.

00:07:38: Die erkannten ein einfaches ökonomisches Prinzip.

00:07:41: Wenn Bauern von der Zwangsarbeit befreit sind und wissen, dass der Überschuss in die eigene Tasche fließt arbeiten sie einfach unverhältnismäßig produktiver.

00:07:50: Klar!

00:07:50: Die Motivation ist eine ganz andere.

00:07:52: Sie rodenschneller kultivieren größere Flächen erwirtschaften mehr.

00:07:57: Am Ende des Jahres sammelte der Fuldal her durch diese festgelegten Pachten weit aus Meerreichtum ein, als er durch Zwangsarbeit jemals hätte auspressen können.

00:08:06: Das war also eine frühe Form der Gewinnmaximierung durch Deregulierungen.

00:08:09: Ganz genau so kann man das nennen!

00:08:12: Aber wie brachte man diese beiden Welten zusammen?

00:08:15: Ich meine – Der Herzog in Böhmen hat das tote Kapital, den Wald und der unzufriedene Bauer in Flandern hat die Arbeitskraft aber der Bauer weiß ja gar nicht dass dieses Land existiert.

00:08:26: Richtig

00:08:26: Da brauchte es einen Vermittler.

00:08:28: Eben, wie hieß der?

00:08:29: Dieser Vermittlar wurde Locator genannt.

00:08:32: Der funktionierte im Grunde exakt wie ein heutiger Immobilienentwickler.

00:08:36: Ah da ist unser Makler vom Anfang

00:08:38: Genau der.

00:08:39: Er wurde von einem Feudalherren beauftragt Ritt dann in diese überbevölkerten Gebiete im Westen und rührte dort ordentlich die Werbetrommel.

00:08:48: Er hat also die Siedler angeworben

00:08:50: Ja Und er organisierte den gesamten logistischen Treck der Auswanderer.

00:08:54: Am Zielort angekommen, war er dafür verantwortlich das Land zu vermessen und in gleichmäßige Parzellen aufzuteilen.

00:09:00: Das klingt nach einem enormen persönlichen Risiko für diesen Locator!

00:09:05: Was sprang für den dabei heraus?

00:09:07: Sein Risiko wurde fürstlich belohnt – er erhielt meist die größten und ertragreichsten Landparzellen im neu gegründeten Dorf oft sogar komplett steuerfrei.

00:09:16: Nicht schlecht

00:09:17: Und zudem wurde ihm in der Regel das Erblicheamt des Dorfschulzen also des Richters übertragen.

00:09:23: Das sicherte ihm dauerhaften Einfluss und einen Teil der Strafgelder.

00:09:27: Er war der absolute Dreh-und Angelpunkt dieser Migration!

00:09:53: Ja, das ist der etwas ungemütliche aber extrem entscheidende Wendepunkt in Bartlett's Analyse.

00:09:58: Die Expansion war sehr oft von gewaltsamer Erroberung geprägt.

00:10:02: Das dachte ich mir!

00:10:03: Bartlett spricht hier von der sogenannten aristokratischen Diaspora.

00:10:08: Der westeuropäische Adel – insbesondere französische und deutsche Ritter – schwärmte massiv aus.

00:10:14: Wo sind die überall hingezogen?

00:10:16: Französische Ritter kämpften auf der iberischen Halbinsel oder auch im heiligen Land.

00:10:21: Und deutsche Kriegerverbände wie später der Deutsche Orden drangen rigoros in Gebiete, wie das Baltikum ein.

00:10:27: Da stellt sich mir die Frage warum diese im Vergleich doch eher kleinen Elite-Einheiten eigentlich so erfolgreich waren?

00:10:34: Wenn ich als Einheimischer mein eigenes Terrain verteidige habe ich doch normalerweise den Heimvorteil.

00:10:39: Sollte man meinen ja!

00:10:41: Haben die angreffenden Ritter einfach rücksichtsloser gekämpft oder gab es da ein System dahinter?

00:10:46: Ihr Vorteil war tatsächlich rein technologischer Natur.

00:10:49: Und er veränderte die Gesetze der Kriegsführung komplett!

00:10:52: Diese Ritter brachten Innovationen mit, die auf dem Schlachtfeld wie einen Schock wirkten.

00:10:57: Welche Innovationen waren das?

00:10:59: Zum Einen – Die schwere Kavalerie.

00:11:02: Man muss sich das vorstellen wie den Einsatz von Panzern gegen einfache Fußsoldaten.

00:11:06: Ein massiver Aufprall.

00:11:08: also

00:11:08: Genau Ein massiv gepanzerter Reiter, der tief in einem Spezialsattel sitzt, in Steigbügeln verankert ist und mit einer eingelegten Lanze im Galopp auf eine ungeschützte Formation prallt.

00:11:19: Der besitzt eine unauffaltsame kinetische Energie.

00:11:22: Und das war noch nicht alles?

00:11:23: Nein!

00:11:24: Hinzu kamen technologisch hoch entwickelte Armbrüste die gängige Rüstungen einfach durchschlagen konnten.

00:11:30: Das ist ein enormer offensiver Vorteil, das stimmt.

00:11:33: Das ist ja fast als würde man sein Betriebssystem auf eine unbesiegbare Version updaten.

00:11:37: Aber wie hält man das Gebiet wenn man vom Pferd absteigt?

00:11:41: Genau da greift die nächste Innovation der Burgenbau.

00:11:44: Anfangs errichteten sie sogenannte Motten.

00:11:47: Was genau ist eine Motte?

00:11:49: Das

00:11:49: waren künstlich aufgeschüttete Erdhügel mit einem massiven Holzturm darauf umgeben von Palisaden Und später wurden daraus dann die uns bekannten massiven Steinburgen.

00:12:01: Wenn man sich das überlegt, ne Burg ist eigentlich wie ein unbeweglicher Flugzeugträger im Mittelalter.

00:12:07: Ein sehr gutes Bild ja?

00:12:08: Sie

00:12:08: erlaubt es so einer kleinen Gruppe von vielleicht zwanzig dreißig bewaffneten Männern eine komplette Region zu dominieren.

00:12:15: Man zieht Steuern ein schickt Patrouillen los und wenn einen Übermacht angreift sieht man sich einfach hinter meterdicke Steinmauern zurück.

00:12:23: Richtig!

00:12:23: Die waren mit damaligen Mitteln kaum einzunehmen.

00:12:26: Die Burg hebelte die Bedeutung von reiner Truppenstärke einfach aus.

00:12:30: Das heißt, die ansässigen Völker hatten ein echtes Problem

00:12:34: Ein existenzielles Problem.

00:12:36: Ihre traditionellen Methoden waren gegen gepanzerte Reiterei und unbrennbare Steinburgen völlig nutzlos.

00:12:42: Sie standen vor einem radikalen militärischen Wettrüsten.

00:12:46: Entweder sie passten sich an oder wurden genadenlos überrannt.

00:12:50: Das wirft für mich direkt die nächste Frage auf, wie überlebt man das?

00:12:53: Ich meine wenn ich ein schottischer König oder einen zlawischer Fürst bin habe ich doch gar nicht die industrielle Basis um über Nacht hunderte Steinbogen zu bauen.

00:13:03: Das stimmt!

00:13:04: Das geht nicht von heute auf morgen.

00:13:05: Gab es den Völker die diese Technologie erfolgreich kopieren konnten um zu überleben?

00:13:10: Ja sie gab es und Bartlett liefert hier faszinierende Beispiele wie dieses technologische Monopol durch bewusste Imitation gebrochen wurde.

00:13:18: Hast du da ein Beispiel?

00:13:20: Nehmen wir die Pomeranen, das war ein westlawisches Volk an der Ostseeküste.

00:13:24: Die kämpften traditionell als hochmobile leichte Infanterie.

00:13:28: Als der Druck durch die gerüsteten Nachbarn zu groß wurde, änderten die Fürsten ihre Strategie.

00:13:34: Was haben sie gemacht?

00:13:36: Sie fingen an gezielt deutsche Ritter an ihren eigenen Hof einzuladen gaben ihnen Land und ließen ihre eigenen Truppen in diesen neuen Kampftechniken ausbilden.

00:13:45: Sie haben sich das Wissen also einfach eingekauft?

00:13:48: Exakt!

00:13:49: Ein noch drastischeres Beispiel finden wir in Schottland.

00:13:52: Im elften und zwölften Jahrhundert erkannten schottische Könige wie David der Erste, dass die Bedrohung aus dem Süden sie überrollen würde.

00:14:00: Die englisch-normanische Bedrohrung.

00:14:02: Richtig – Und was machte David?

00:14:05: Er lud systematisch französisch-normanische Ritter nach Schottland ein, vergab riesige Ländereien an sie, integrierte sie in den Adel und restrukturierte seine eigene Gesellschaft.

00:14:15: Nur

00:14:15: um diese Kriegsmaschinerie finanzieren zu können?

00:14:18: Ja!

00:14:19: Und das Resultat war beeindruckend – im dreizehnten Jahrhundert verfügten die Schotten selbst über eine hochmoderne gepanzerte Armee.

00:14:27: Das half ihnen maßgeblich ihre Unabhängigkeit zu wahren.

00:14:30: Verstehe.

00:14:31: Wir haben also den demografischen Motor, die Menschen, die Land brauchen.

00:14:36: Wir haben die wirtschaftlichen Anreize durch die Lokatoren und wir haben die militärische Überlegenheit.

00:14:41: Genau

00:14:43: Das sichert die physischen Grenzen.

00:14:45: Aber ein Kontinent wird ja nicht nur durch Mauern zusammengehalten.

00:14:49: Wie formt man aus all diesen unterschiedlichen Völkern von Schottland bis nach Polen eine einheitliche Kultur?

00:14:56: Hier betritt die wohl mächtigste Traff dieser Epoche die Bühne Die lateinische Kirche.

00:15:04: Mehr als das.

00:15:05: Rom verfolgte in dieser Zeit eine fast schon gnadenlose Politik der kulturellen und institutionellen Homogenisierung, Das Ziel war ein vollständig standardisiertes Europa.

00:15:19: Keine einzige!

00:15:21: Es gab nur noch eine akzeptierte Sprache für den Gottesdienst Latein und einen einzigen autorisierten Ablauf – nämlich das römische Modell.

00:15:29: Wenn man das aus administrativer Sicht betrachtet, wirkt das Konzept von Religion hier fast wie ein standardisiertes Gesetzbuch um ein expandierendes Reich zu verwalten oder?

00:15:39: Absolut.

00:15:40: Jeder in diesem riesigen Netzwerk musste dieselbe, sagen wir spirituelle Software nutzen damit die Machtstrukturen reibungslos funktionierten.

00:15:49: Bartlett hat da ein Beispiel in seinem Buch dass diese Skrupellosigkeit fast schon schockierend offen legt.

00:15:55: Ich spreche von ihr Land.

00:15:57: Ah ja Ein extrem wichtiges Beispiel.

00:16:00: Die Iren waren zu diesem Zeitpunkt doch längst tiefglaubige Christen oder nicht?

00:16:05: Die hatten eigene Klöster, die während der dunkelsten Zeiten alte Schriften gerettet haben!

00:16:10: Wie konnten sie ins Fadenkreuz von Rom

00:16:12: geraten?!

00:16:13: Weil Sie administrativ einfach nicht kompatibel waren... ...die irische Kirche war das komplette Gegenteil des römischen Ideals.

00:16:20: Inwiefern unterschieden die sich?

00:16:22: Rom basierte auf festen territorialen Bistümmern, finanziert durch den sogenannten Zehnten – also eine strikte Kirchensteuer.

00:16:30: Die irische Gesellschaft hingegen war von familiären Clans geprägt.

00:16:34: Also keine festen Bistymer?

00:16:35: Nein!

00:16:36: Ihre Kirche war an Klöster und Äbte gebunden die oft aus diesen mächtigen Familien stammten.

00:16:41: Außerdem weigerten sich die Iren den Zehnten zu zahlen und sie hatten ganz eigene Heiratsregeln

00:16:47: Und das reichte aus, um den Zornroms auf sich zu ziehen.

00:16:50: Ich meine Sie beteten doch zum selben Gut?

00:16:52: Theologie spielte hier wirklich eine untergeordnete Rolle?

00:16:56: Es ging primär um Macht.

00:16:58: Reformer wie Bernhard von Clavervo begannen im zwölften Jahrhundert eine beispiellose Diffamierungskampagne.

00:17:05: Was hat er denn Ihren vorgeworfen?

00:17:07: Bernhard bezeichnete die Ihren öffentlich als Barbaren.

00:17:11: Er nannte sie Christen nur dem Namen nach in Wirklichkeit aber Heiden.

00:17:16: Er sprach ihn quasi abzivilisierte Menschen zu sein.

00:17:19: Das ist eine extrem gefährliche Rhetorik, wenn der höchste moralische Zensor – eine ganze Bevölkerungsgruppe zu Heiden erklärt – gibt er sie im Grunde zur Jagdfrei.

00:17:28: Und genau das passierte dann auch!

00:17:31: Diese Rhetorie lieferte den anglo-normanischen Invasoren die perfekte moralische Rechtfertigung für ihren Eroberungsfeldzug in Irland.

00:17:39: Sie gaben also vor, den Waren Glauben zu bringen.

00:17:42: Ja sie sagten, sie brechten Ordnung in eine verwilderte Kirche aber zeitgenössische Quellen geben unumwunden zu dass es den Invasoren eigentlich nur um Land und Beute ging.

00:17:55: Religion wurde als Werkzeug missbraucht.

00:17:58: Wer sich nicht an Roms Regeln hielt verlor seinen rechtlichen Schutz.

00:18:02: Wie wurde dieses System denn in den neu eroberten östlichen Gebieten etabliert?

00:18:08: Da gab es ja teilweise wirklich noch heidnische Völker.

00:18:10: Dort ging man hochgradig strategisch vor, sobald ein Gebiet erobert war oder der Herrscher sich taufen ließ wurden sofort neue territoriale Bistümer gegründet.

00:18:20: Zum Beispiel?

00:18:21: Prominente Beispiele sind Prag- oder Gnisno in Polen und so ein Bistum war viel mehr als nur eine Kirche

00:18:28: Sondern?

00:18:29: Es war eine Verwaltungseinheit.

00:18:31: Es brachte schriftliches römisches Recht, Steuersysteme und lateinische Gelehrsamkeit in Regionen die vorher völlig andere Strukturen hatten.

00:18:40: So wurden die neu eroberten Gebiete fest an Rom gebunden.

00:18:44: Wenn wir all diese Stränge jetzt mal verknüpfen dann löst sich dieses alte Bild vom Ritterlichen Stillstand komplett in Luft auf.

00:18:53: Lass mich das für dich unseren Zuhörer kurz zusammenfassen Gerne.

00:18:56: Die Epoche zwischen neunhundertfünfzig und dreizehnhundertwünftig war eine hochdynamische Ära.

00:19:03: Der Bevölkerungsdruck im Westen führte zu enormer Expansion, pragmatische Feudalherren schafften Zwangsarbeit ab um mithilfe von Lokatoren neues Land zu erschließen.

00:19:15: Flankiert wurde das durch militärische Innovation wie Steinburgen während die Kirche eine einheitliche kulturelle Identität erzwang.

00:19:24: Diese Jahrhunderte haben die DNA Europas unwiderruflich geformt.

00:19:29: Besser hätte man es nicht sagen können, Bartlett zeigt auf wie die Grenzen und Strukturen, die damals in den Boden gerammt wurden das heutige Europa definieren.

00:19:40: Und genau hier wird diese Vergangenheit plötzlich extrem greifbar.

00:19:45: Das Buch liefert zum Schluss noch einen faszinierenden Gedanken.

00:19:49: Die massiven Umwälzungen dieser Zeit existieren nämlich nicht nur in verstaubten Urkunden.

00:19:55: Nein, überhaupt nicht!

00:19:57: Sie sind noch heute sichtbar?

00:19:58: Genau und zwar in unserer Toponymie also in den Ortsnamen.

00:20:03: Ein

00:20:03: wunderbares Detail aus Bartlettforschung.

00:20:05: Wenn man auf die Landkarte schaut ist sie übersät mit Hinweisen auf diese Migrationswelle.

00:20:10: Hunderte Dörfer besonders im Osten enden auf Silben wie Rode oder Das

00:20:17: ist der direkte sprachliche Beweis für diese gigantischen Waldrodungen, über die wir gesprochen haben.

00:20:22: Richtig!

00:20:23: Und dann sind da noch unsere Lokatoren – die Projektmanager des Mittelalters.

00:20:27: Viele

00:20:27: Siedlungen wurden ja schlicht nach dem Unternehmer benannt, der die Siedler angeworben hat.

00:20:32: Genau ein Mann namens Peter brachte die Sieder dorthin.

00:20:35: das Land wurde urbar gemacht und der Ort heißt bis heute Petersheide oder Petersdorf.

00:20:42: Und mit genau diesen Gedanken möchten wir dich heute verabschieden.

00:20:45: Wenn du das nächste Mal auf eine Karte deiner Heimatregion schaust oder durch die Gegend fährst, achte einfach mal auf die Namen der Dörfer und Städte!

00:20:55: Vielleicht verbirgt sich genau dort in den unscheinbaren Silben eines Ortsnamens – das tausend Jahre alte Echo jener massiven europäischen Migrationswelle, die wir heute hier am Tisch analysiert haben?

00:21:06: Bis zum nächsten Mal.

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