Fräulein Reuschel gibt Gas, Folge 2
Shownotes
Stell dir vor, du bist die Erste, die ein völlig neues Fortbewegungsmittel ausprobiert – ohne Genehmigung, ohne Sicherheit, aber mit jeder Menge Mut. In dieser Folge erzähle ich, wie Bertha Benz mit einer heimlichen Ausfahrt nicht nur ihren Mann überraschte, sondern die Automobilgeschichte für immer veränderte. Zwischen knatternden Motoren, improvisierten Reparaturen und skeptischen Blicken erlebst du, wie aus einer verrückten Idee eine Revolution wurde. Ich zeige, warum die eigentliche Innovation nicht nur im Motor, sondern im Mut lag. Begleite mich auf dieser außergewöhnlichen Fahrt und entdecke, wie eine Frau bewies, dass das Unmögliche möglich ist.
Sonja Ulrike Klug: Fräulein Reuschel gibt Gas (Paperback, E-Book) Kluges Verlag, 2025 <https://www.amazon.de/dp/3910321402>
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Transkript anzeigen
00:00:00: Stell dir mal ganz kurz das Jahr achtzehnhundertvierundneunzig vor.
00:00:05: Wir haben da diese alte schwarz-weiß Fotografie, darauf sitzt eine Frau Bertha Bens.
00:00:10: Ja
00:00:11: ein sehr bekanntes Bild!
00:00:12: Genau und sie sitzt neben ihrem Mann Karl auf der sogenannten Benz Victoria also einem der allerersten Automodelle.
00:00:21: richtig
00:00:22: aber wenn du dir ihr Gesicht auf diesem Bild mal genau ansehst Das ist kein starres, typisch historisches Porträtgesicht.
00:00:30: Überhaupt nicht!
00:00:31: Da ist dieses verschmitzte ja fast schon triumphierende Lächeln so richtig das lächeln einer Frau die ganz genau weiß dass sie alles auf die richtige Karte beziehungsweise das richtige Vehikel gesetzt hat
00:00:43: und auf den richtigen Mann?
00:00:44: Genau zu einer Zeit als der Rest der Welt die beiden eigentlich noch für völlig verrückt erklärt hat.
00:00:49: also dieses lächeln das ist ein Blick der eine enorme Erleichterung ausstrahlt.
00:00:54: Was wir auf diesen Bild sehen, ist im Grunde das Ende eines jahrelangen extrem zermürbenden Tampfes.
00:01:01: Ja!
00:01:01: Das war ein Kampf gegen gesellschaftliche Widerstände, gegen den permanent drohenden finanziellen Ruin und was wir heute total oft vergessen gegen die enormen Selbstzweifel von ihrem eigenen Mann.
00:01:13: Und genau deshalb tauchen wir heute in dieser Analyse so tief in diese Geschichte ein.
00:01:18: Denn das is also für mich zumindest weit mehr als nur eine trockene Geschichtsstunde über das erste Auto.
00:01:23: Absolut, ja.
00:01:24: Das ist eigentlich eine komplette Masterclass wie man einen absoluten PR Albtraum und ein praktisch unverkäufliches Produkt rettet.
00:01:32: Und das in einer Situation?
00:01:34: In der der Erfinder selbst eigentlich viel zu schüchtern ist um sein Genie der Welt zu zeigen.
00:01:39: Exakt!
00:01:41: Ohne eine nach damaligen Maßstäben hochgradig illegale Aktion im Morgengrauen...
00:01:46: Eine absolute Nacht-und Nebelaktion.
00:01:48: Ja Wir würden heute sagen, sie hat einen strenggeheimen Prototypen entwendet.
00:01:54: Ohne diese Aktion würde unsere Mobilität heute völlig anders aussehen.
00:01:58: Vermutlich!
00:02:00: Wir müssten im schlimmsten Fall heute noch Hafer für unsere Pferde einpacken wenn wir in den Urlaub fahren wollen?
00:02:06: Krass
00:02:06: ja...
00:02:07: Aber um zu begreifen warum Bertha später zu so drastischen Maßnahmen greifen musste müssen wir uns erstmal die Dynamik der beiden ansehen.
00:02:15: Okay lass uns da mal reinschauen.
00:02:17: Karl war halt das introvertierte Genie.
00:02:19: Bertha hingegen, die eiserne Visionärin – sie ist aus der Vorzheimgebung in Pforz geboren, stammte aus einer sehr wohlhabenden Familie und besuchte die höhere Töchterschule.
00:02:31: Was für Mädchen damals ja überhaupt nicht selbstverständlich war oder?
00:02:34: Absolut
00:02:34: nicht!
00:02:35: Und sie brachte vor allem ein wahnsinnig tiefes technisches Interesse mit.
00:02:38: Sie war also nicht nur das klassische Beiverk im Hintergrund?
00:02:44: Nee, überhaupt nicht….
00:02:46: Als sie Karl, Eighthundertneunundsechzig kennenlernt trifft sie da auf einen Maschinenbau-Ingenieur mit einem riesigen Traum.
00:02:53: Aber leider – und das war sein großes Problem – völlig ohne Geschäftsinn!
00:02:58: Ja und was dann passiert?
00:03:00: Das finde ich aus heutiger Sicht wirklich unglaublich.
00:03:02: also wir reden vom Jahr Achtzehnhundertundundsiebzig ein Jahr vor ihrer Hochzeit.
00:03:07: Da lässt sie sich vorzeitig ihre gesamte Mitgift auszahlen.
00:03:12: Und sie steckt dieses komplette Vermögen in Karlskrachendes lärmende Startup, eine Eisengießerei.
00:03:18: Man muss sich echt die rechtliche und gesellschaftliche Tragweite davon klarmachen?
00:03:22: Ja!
00:03:23: Wir sprechen von einer Zeit, in der Frauen wirtschaftlich im Grunde gar keinen Handlungsspielraum hatten.
00:03:28: Die Mitgif war auf die einzige finanzielle Absicherung für ihr gesamtes Leben.
00:03:33: Wahnsinn!
00:03:34: Dass eine junge Frau dieses Geld einfordert und in eine extrem riskante Laute-Gießerei investiert, das war ein beispielloser Vertrauensvorschuss.
00:03:45: Und ein riesiges Risiko – welches ja dann auch prompt fast im absoluten Desaster endete?
00:03:51: Ohja...
00:03:52: Karl konnte zwar diese brillanten Motoren bauen aber er agierte komplett am Markt vorbei.
00:03:58: Die Banken haben seinen Zweitackmotor schlichtweg nicht verstanden.
00:04:02: Nee, die fanden das absurd.
00:04:04: Die zwangen ihn dann letztendlich sogar aus seinem eigenen Unternehmen raus.
00:04:08: Seine Erfindungen floppten, das ganze Geld war weg und die Familie – sie hatten mittlerweile fünf Kinder… die lebte im Grunde nur noch von dem was von Berthas Mitgift eben übrig war.
00:04:20: Eine harte Zeit absolut!
00:04:22: Weißt du?
00:04:23: Karl erinnert mich da extrem an einen heutigen brillanten App-Entwickler.
00:04:28: Wie meinst Du
00:04:28: das?!
00:04:30: Naja... Stell dir vor, da sitzt jemand wochenlang im dunklen Keller und schreibt den genialsten revolutionärsten Code der Welt.
00:04:38: Mhm?
00:04:38: Aber er weigert sich dann strick die App jemals in den Store hochzuladen einfach weil er panische Angst vor dem Feedback hat oder davor irgendwie ein Sterne Bewertungen zu kriegen.
00:04:48: Der Vergleich passt echt perfekt.
00:04:51: Karl fehlte wirklich jegliches Gespür dafür wie man eine Idee verkauft.
00:04:56: Ja
00:04:56: Er brauchte dann auch Jahre um sich finanziell überhaupt wiederzufangen.
00:05:00: Das ging dann über den Bau von stationären Gasmotoren für die Industrie.
00:05:04: Ah, okay!
00:05:05: Die Dinger waren schwer unbeweglich aber sie funktionierten halt und brachten endlich Geld ein.
00:05:10: Und nur durch dieses Geld konnte er sein eigentliches Herzensprojekt im Hintergrund weiter vorantreiben.
00:05:15: Den ferdellosen Wagen?
00:05:16: Genau.
00:05:17: Achtzehnhundertsechsundachtzig war es dann endlich soweit.
00:05:20: der Motorwagen Nummer eins Rollte aus der Werkstatt
00:05:23: wobei Rollt vielleicht übertrieben ist.
00:05:25: Ja, das war ein Konstrukt mit winzigen Nullkommasiebenfünf PS.
00:05:30: Das schaffte gerade mal sechzehn kmh und man musste es hinten total mühsam über so'n riesiges Schwungrad anwerfen!
00:05:38: Wir haben ja heute echt diesen romantisch verklärten Blick auf die Geschichte ne?
00:05:42: Wir denken jemand erfindet was Geniales zeigt ist der Welt und alle werfen Konfetti und zücken sofort die Schäckbücher!
00:05:49: Schön wär's!
00:05:51: Als Karl dann, auf die Straßen von Mannheim fuhr, da schrien niemand Hurra.
00:05:57: Die Leute schrien eher um Hilfe oder?
00:05:59: Ja das kann man so sagen!
00:06:01: Dieses erste Auto war halt auch meilenweit von einem eleganten Transportmittel entfernt.
00:06:07: Zeitzeugen haben das Ding als fauchendes spuckendes Ungeheuer beschrieben.
00:06:12: Ein UngeHeuer?
00:06:13: Ja.
00:06:14: Rein optisch war es eine völlig befremdliche Mischung aus Kutsche und ich sag mal ne Fahrradaufstellzel Drei absurd schmale Räder, es gab kein Lenkrad im heutigen Sinne.
00:06:24: Kein Lenkrat?
00:06:26: Nein nur so eine Art Hebel!
00:06:27: Natürlich gab's auch keinen Dach keine Türen.
00:06:29: und das Schlimmste Es machte einen oren betäubenden Lärm und hüllte alles um sich herum in dichte beißender Rauchwolken.
00:06:38: Also kein Wunder dass der auf den Mannheimer Straßenregel recht Panik ausbrach.
00:06:42: Absolut Die Leute nannten das Ding ja auch Geisterkutsche Und die Polizei stand überhaupt nicht auf Karls Seite.
00:06:48: habe ich gelesen?
00:06:49: Nee
00:06:49: Gar nicht.
00:06:50: Diese knatternden Motoren haben die Kutschpferde in der Stadt dermaßen erschreckt, dass es dauernd zu gefährlichen Beinahe-Unfällen kam.
00:06:57: Die Polizei hat Karls Fabrik zeitweise sogar belagern lassen.
00:07:00: Ernsthaft?
00:07:01: Ja!
00:07:02: Damit er nicht wie sie es nannten zum reinen Vergnügen auf die Straße fährt.
00:07:06: Wahnsinn Karl wurde also mit Spott überschüttet, die Bürger standen da wohl völlig fassungslos und fragten sich warum um alles in der Welt man sich so einen armseligen lärmenden Maschinenkasten setzen sollte.
00:07:20: Wo es doch perfekte Pferde gab?
00:07:21: Genau!
00:07:22: Karl war psychisch komplett am Ende.
00:07:25: er kam sich vor wie ein Bettler.
00:07:26: Was wir hier sehen, ist echt ein klassisches Beispiel dafür wie Gesellschaften auf extrem radikale technologische Umbrüche reagieren.
00:07:34: Man versucht verzweifelt das Unbekannte irgendwie mit alten Konzepten greifbar zu machen.
00:07:39: Das Wort Auto – das existierte schlichtweg noch gar nicht.
00:07:41: Ach verrückt!
00:07:42: Karl nannte das Ding Motorwagen Und die Gesellschaft erfand dann so Begriffe wie Motoren-Welozipät, Motorkutsche oder sogar Straßenlokomotive
00:07:52: Weil sie Lokomotiven schon kannten.
00:07:54: Genau, erst in den letzten Jahren hat der Brockhaus den Begriff Automobiler-Wagen überhaupt aufgenommen.
00:08:02: Aber warte mal kurz!
00:08:04: Bevor wir die Leute von damals jetzt als komplett rückständig abstempeln – ich muss da mal eine Lanze für die Mannheimer brechen….
00:08:11: eigentlich ist diese Abwehrhaltung doch wahnsinnig logisch!
00:08:14: Total!
00:08:15: Stell dir vor, du stehst morgen ganz friedlich in deinen Garten... Und dein Nachbar fliegt plötzlich mit einem extrem lauten, stinkenden, rauchenden Blechkasten Haar scharf über deinen Haus.
00:08:26: Ja?
00:08:26: Deine Hunde drehen durch die Scheiben klirren... Also ich würde da auch sofort die Polizei rufen.
00:08:31: Ich auch ja!
00:08:32: Und ich würd das Ding ganz bestimmt nicht kaufen wenn ich in meiner Garage ein flüster leises komplett zuverlässiges Elektroauto stehen habe.
00:08:39: Das ist genau der springende Punkt.
00:08:41: Die
00:08:41: Leute hatten ja perfekte Pferde.
00:08:43: Die ganze Infrastruktur funktionierte.
00:08:46: Warum sollten die das aufgeben?
00:08:49: Aus der Perspektive der Zeitgenossen damals löste dieses Velikel einfach kein einziges Problem.
00:08:54: Null
00:08:55: Es schuf eigentlich nur neue Probleme Lärm, Gestank eine völlig unkalkulierbare Gefahr und vor allem es war halt super unzuverlässig.
00:09:03: Die gesamte Welt war auf Pferde ausgerichtet.
00:09:06: Es gab an jeder Ecke Hafer Wassertröge Hubschmiede Stellmacher für die Holzarbeiten
00:09:12: Und von Auto
00:09:13: Für ein Auto gabs buchsterblich nichts Keine befestigten Straßen für diese dünnen Räder, keine Tankstellen, keine Mechaniker.
00:09:20: Ja.
00:09:20: Rationale betrachtet gab es in den letzten Jahren einfach null Gründe so ein Auto zu kaufen.
00:11:34: Die Leute hatten ja perfekte Pferde!
00:11:37: Die ganze Infrastruktur funktionierte?
00:11:40: Warum sollten die das aufgeben?
00:11:42: Aus der Perspektive der Zeitgenossen damals löste dieses Vehikel kein einziges Problem... Null Es schuf eigentlich nur neue Probleme Lärm, Gestank – eine völlig unkalkulierbare Gefahr.
00:11:54: und vor allem es war halt superunzuverlässig.
00:11:57: Die gesamte Welt war auf Pferde ausgerichtet.
00:11:59: Es gab an jeder Ecke Hafer, Wassertrüge, Hufschmiede, Stellmacher für die Holzarbeiten.
00:12:04: Und für ein Auto?
00:12:06: Für ein Auto gab's buchstäblich nichts Keine befestigten Straßen für diese dünnen Räder keine Tankstellen, keine Mechaniker.
00:12:12: Ja Rational betrachtet gab es in den letzten Jahren einfach Nullgründe so ein Auto zu kaufen.
00:12:18: Karl hatte ein Produkt für eine Infrastruktur entwickelt, die eigentlich erst noch gebaut werden musste.
00:12:23: Und genau da an diesem absoluten Tiefpunkt also als der Erfinder aufgeben will das Produkt ausgelacht wird und die Behörden ihm das Leben zur Hölle machen?
00:12:34: Da entscheidet Bertha dass es einen radikalen Beweis braucht ja einen absolut unbestreitbaren Beweis der Alltagstauglichkeit.
00:12:44: Wir schreiben jetzt den August,
00:12:47: und hier wandelt sich die Geschichte eigentlich von so einer reinen Ingenieursbiografie zu eine Art historischem Road-Movie.
00:12:54: Berta plant heimlich mit dem mittlerweile weiterentwickelten Motorwagen Nummer drei zur ihrer Schwester nach Pforzheim zu fahren.
00:13:01: Das Ding hatte jetzt immerhin zwei Komma fünf PS.
00:13:04: Genau!
00:13:05: Und sie nimmt ihre beiden Söhne mit.
00:13:06: Eugen der war fünfzehn und Richard vierzehn.
00:13:09: Und
00:13:09: das völlig ohne Karls Wissen?
00:13:11: Ohne ein Wort.
00:13:12: Die schieben im Halbdunkel des frühen Morgens diesen tonnenschweren Kasten ganz leise aus der Werkstatt.
00:13:19: Und die starten ihren Motor erst auf der Straße, damit Karl bloß nicht aufwacht!
00:13:24: Auf dem Küchentisch lag nur ein Zettel und sind zu den Verwandten unterwegs.
00:13:29: Kein einziges Wort darüber wie sie dort hinreisen.
00:13:32: Karl hätte dieses waghalsige Unternehmen auch so vorverboten.
00:13:35: Klar.
00:13:36: Und wenn wir uns heute Konstruktionspläne von diesem Motorwagen Nummer drei ansehen, da stoßen wir auf einen Detail das aus heutiger Sicht völlig absurd ist.
00:13:43: Ah!
00:13:44: Das mit den Sitzen?
00:13:45: Ja.
00:13:46: Fahrer und Beifahrer saßen sich nämlich gegenüber – wie in einem Zugabteil oder so einer klassischen Vis-a-vis Kutsche.
00:13:52: Das muss man sich technisch echt mal auf der Zunge zergehen lassen.
00:13:56: Du längst ein Fahrzeug aber du hast keine permanente freie Sicht nach vorne….
00:14:01: Nein, hast du nicht.
00:14:02: Einfach weil niemand auf die verbammte Idee kam, dass das nötig wäre.
00:14:06: Man hing noch total in diesem Kutschendenken fest!
00:14:09: Die Passagiere sitzen sich gegenüber, trinken vielleicht ein Tee und das Pferd vorne findet den Weg schon irgendwie von alleine.
00:14:23: Das bedeutet, dass neue Technologien am Anfang blind die Form der alten vertrauten Dinge übernehmen – auch wenn das Funktional eigentlich gar keinen Sinn mehr ergibt.
00:14:32: Verstehe!
00:14:33: Dass
00:14:33: der Fahrer einer Maschine, die den KMH schnell auf ein Hindernis zufährt, zwingend nach vorne schauen muss?
00:14:39: Das war eine Erkenntnis, die buchstäblich erst auf der Straße gelernt werden musste.
00:14:43: Wahnsinn!
00:14:44: Sie fährt also los mit diesem ungetesteten Prototypen und es geht... Über hundert Kilometer weit.
00:14:51: Über
00:14:51: unbefestigte, tief zerfurchtete Feldwege.
00:14:53: Es gab ja keine Straßenschilder!
00:14:56: Kein Navi.
00:14:58: Die wusste nicht mal ob diese laute Hellenmaschine Diese Distanz am Stück überhaupt überleben würde.
00:15:04: Und es stand alles auf dem Spiel.
00:15:06: Entweder das Ding funktioniert oder die Familie ist endgültig ruiniert.
00:15:10: Das war wirklich alles andere als so eine romantische Ausfahrt ins Grüne am Sonntag.
00:15:14: Definitiv
00:15:15: Das war ein massiver Überlebenskampf für Mensch und Maschine.
00:15:18: Das
00:15:19: fing schon damit an, dass die Maschine für diese Art von Dauerbelastung überhaupt nicht ausgelegt war.
00:15:23: Mhm.
00:15:24: Das erste massive Problem?
00:15:26: Die Mutterkühlung!
00:15:27: Wir denken heute an geschlossene Kühlkreisläufe wo du mal alle Jubeljahre was nachfüllst.
00:15:31: Ja genau.
00:15:32: Karls Motorwagen hatte das nicht.
00:15:35: Er nutzte eine sogenannte Verdampfungs-Kühlung.
00:15:37: Okay...und was hast Du?
00:15:38: Das Wasser zirkulierte nicht in einem geschlossenen System sondern es verdammte gezielt und offen um diese enorme Hitze vom Motor abzuführen.
00:15:47: Das heißt, aber die sind im Grunde in einer permanenten Dampfwolke über die Landstraße gefahren?
00:15:52: Genau so!
00:15:53: Oh
00:15:53: mein Gott... Und das Kühlwasser verschwand also buchstäblich IN der
00:15:57: Luft?!
00:15:58: Ja, sie mussten an jedem Brunnen, an jedem Bach bei jedem Wirtshaus anhalten, um einmalweise Wasser nachzufüllen.
00:16:03: Die beiden Teenager-Söhne waren wahrscheinlich den halben Tag nur damit beschäftigt irgendwelche schweren Wassereimer zum Auto zu schleppen.
00:16:10: Sicherlich Aber es kam ja noch viel schlimmer
00:16:12: Stimmt.
00:16:13: Kurz vor der Stadt Wiesloch gingen ihnen nämlich der Treibstoff aus.
00:16:18: Und wie wir schon besprochen haben, es gab keine Tankstellen!
00:16:21: Nee!
00:16:21: Bertha steuerte dann in ihrer Not einfach die Stadt Apotheke von Wiesloch an.
00:16:26: Genial!
00:16:26: Apotheker waren damals ja noch Großhändler für Chemikalien aller Art.
00:16:30: Ah ok...
00:16:31: Sie verlangte nach Ligroin.
00:16:33: Das war ein Reinigungsmittel So eine Art Leichtbenzin oder Naphter.
00:16:39: Das wurde damals hauptsächlich als Fleckenwasser für Kleidung verkauft.
00:16:42: Und sie kauft einfach den kompletten Vorrat?
00:16:45: Sie kaufte kurzerhand alles auf, was die Apotheke da hatte und so wurde diese kleine Apotheken in Wiesloch versehentlich zu allerersten Tankstelle der Welt.
00:16:55: Ich stell mir das so absurd vor!
00:16:56: Sie steht da völlig rußverschmiert in dieser sauberen Apotheker und sagt Guten Tag ich brauche all ihr Flecken Wasser.
00:17:04: mein Motorwagen hat Durst.
00:17:06: Ja ein tolles Bild
00:17:07: Aber die Beschaffung war ja nur die halbe Miete.
00:17:10: Dieses Ligruin aus der Apotheke, das war doch bestimmt nicht für Motoren genormt oder?
00:17:15: Überhaupt
00:17:16: nicht!
00:17:16: Das war voller Verunreinigungen.
00:17:18: Mitten auf der Strecke verstopft dann auch prompt die feine Benzinleitung.
00:17:22: Und jetzt kommt für mich der absolute Beweis ihrer Genialität.
00:17:26: Hatten die einen großen Werkzeugkasten dabei?
00:17:29: Nein Eben!
00:17:30: Bertha nimmt einfach ihre lange Hutnade, zieht ihr aus den Haaren und stochert diese feine Benzinleitung wieder frei.
00:17:37: Unglaublich pragmatisch
00:17:39: Und kurz danach scheuert auch noch ein Kabel durch.
00:17:42: Ja, da müssen wir uns auch kurz die Technik von damals ansehen.
00:17:45: Die Zündkabel waren nicht wie heute in so dicken widerstandsfähigen Gummige gossen...
00:17:50: Sondern?
00:17:50: ...die waren oft nur mit Baumwolle oder so Seide umwickelt.
00:17:54: Durch dieses permanente brutale Rütteln auf den holprigen Feldwegen scheuerte diese Isolierung am Metall des Fahrgestells durch.
00:18:01: Oh je!
00:18:02: Ein klassischer Kurzschluss der Motordrohte komplett auszufallen.
00:18:05: Und was macht Bertha?
00:18:07: Sie nimmt ihr Strumpfband Das war aus so festem elastischem Stoff und sie wickelt es als Isolierband um das blank liegende Kabel.
00:18:16: Das ist doch reiner MacGyver-Kram, Wahnsinn!
00:18:20: Wir reden hier ja nicht von dem Hollywood-Script – das ist wirklich exakt so passiert.
00:18:23: Sie steht staubig im Absoluten nirgendwo und nutzt diese Schwere oft als einschränkend empfundene Damenmode des neunzehnten Jahrhunderts, um schwere Maschinen zu reparieren.
00:18:39: unglaubliche technische Intuition.
00:18:42: Bertha war ja keine studierte Ingenieurin, aber sie hatte eben die Jahre in der Werkstatt verbracht.
00:18:47: Sie verstand die Mechanik der Erfindung von Karl so tiefgreifend dass sie diese physikalischen Prinzipien unter extremem Stress auf ganz simple Alltagsgegenstände übertragen konnte.
00:18:58: Aber all dieses Improvisationstalent half ihr dann wenig als sie vor der Topografie standen.
00:19:04: Oh ja, die Berge!
00:19:05: Die größte Gefahr war eine echt heftige Steigung hinter Wilferdingen.
00:19:09: Die hieß passenderweise sie-dich-für
00:19:12: Ja, die Zwei Komma fünf PS des Motors haben da einfach komplett kapituliert.
00:19:17: Die Räder drehten durch oder der Motor drohte einfach abzuwürgen.
00:19:20: Da
00:19:20: half nur Muskelkraft.
00:19:22: Genau, Eugen und Richard mussten absteigen und diesen riesigen Eisen-Colors den Berg hinaufschieben.
00:19:28: Pubertätspower statt Pferdestärken!
00:19:30: Aber wenn man einen Verb so mühsam hinauf schiebt… Man muss ihn auf der anderen Seite auch wieder hinunter – da wurde es dann lebensgefährlich.
00:19:39: Man muss wissen wie Bodaimsen an diesem Prototyp überhaupt funktionierten?
00:19:42: Erklär mal
00:19:43: Es waren einfache Holzklötze.
00:19:45: Die wurden über einen Hebel direkt auf die Eisenreifen der Hinterräder gedrückt.
00:19:50: Holz auf Eisen?
00:19:51: Genau!
00:19:51: Wenn man nun ein über eine halbe Tonne schweres Gefährt, einem steilen Berg hinunterrollen lässt... nimmt es natürlich rasant an Geschwindigkeit auf.
00:20:00: Klar!
00:20:01: Holz, das mit enormem Druck auf rotierendes Eisen gepresst wird, das erzeugt eine unfassbare Reibungssitze.
00:20:09: Die Bremsen fing ja buchstäblich an zu rauchen und zu verkohlen.
00:20:12: Das Holz riep sich ab die Bremswirkungen gingen quasi gegen null.
00:20:16: Es war reines Glück dass die Dreider nicht ungebremst in den Graben geschaffen sind.
00:20:20: Definitiv.
00:20:21: Bertha hat dann auf der Rückfahrt übrigens direkt reagiert.
00:20:24: Sie hielt bei einem Schuhmacher im Ort Bauschlott an und ließ ihn dicke Lederbeschläge auf diese abgenutzten Holzklötze nageln.
00:20:31: Und
00:20:32: genau in diesem Moment hat sie mal eben den Bremsbelag erfunden!
00:20:35: Einfach so?
00:20:36: Ja, weil das Leder halt viel hitzerbeständiger war und viel mehr Gripboot.
00:20:40: Nach etwa dreizehn Stunden Dauerstress endlosen Reparaturen und purer körperlicher Anstrengung hatten sie es dann geschafft – eine Strecke von rund
00:20:52: Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von nicht einmal zehn Kilometern pro Stunde.
00:20:57: Staubig, völlig erschöpft und im Stockdunkeln rollten sie in Pforzheim ein!
00:21:02: Und das erste was Sie tut ist einen Telegramm an Karl zu schicken – glücklich in P forzheim angekommen.
00:21:09: Die Reaktionen der Leute unterwegs waren übrigens den ganzen Tag über Grandios oder?
00:21:13: Ja
00:21:14: Da fragten Kinder ernsthaft, ob sie vom Zirkus seien.
00:21:17: Und ein Gemüsehändler soll beim Anblick des Wagens völlig entsetzt gerufen haben – heiliger Sandsack auf dem Ding sitzt ja eine Frau!
00:21:25: Ja… das sprengte alles.
00:21:27: Ein ratterndes Auto war schon ungeheuerlich aber eine Frau am Steuer?
00:21:31: Das passte im keinen Kopf damals.
00:21:33: Aber diese eine Fahrt hat doch wirklich alles verändert
00:21:36: oder?!
00:21:36: Absolut … denn sie war kein reiner Selbstzweck.
00:21:39: Werther brachte von dieser Fahrt handfeste empirische Daten zurück in die Werkstatt.
00:21:45: Sie hatte eine sehr konkrete Menge Liste für Karl, die Bremsen mussten zwingend verstärkt werden eben durch dieses Leder.
00:21:51: Außerdem
00:21:53: brauchte der Motorwagen dringend einen Drittengang Also so eine Untersetzung speziell für diese steilen Steigungen?
00:21:59: Weil die Jungs nicht immer schieben konnten.
00:22:00: Richtig!
00:22:01: Und die Motorkühlung musste natürlich massiv optimiert werden.
00:22:04: und Karl, das muss man ihm anrechnen hat dieses Feedback absolut ernst genommen.
00:22:09: er hat all diese Praxis-Ideen umgesetzt.
00:22:12: Er musste ja.
00:22:13: Nur wenige Wochen nach dieser Reise präsentierte er dann den modifizierten Motorwagen Nummer drei auf der großen Kraft- und Arbeitsmaschinausstellung in München.
00:22:23: Er gewann die große goldene Medaille.
00:22:26: Plötzlich gab es Käufer!
00:22:28: Das allererste in Serie gebaute Auto entstand, das kostete damals dreitausend Goldmark was heute ungefähr so zwanzigtausend Euro entspricht.
00:22:38: Ein stolzer Preis?
00:22:39: Ja aber bis eighteenhundert vierneinzig fanden sich fünfundzwanzig zahlungskräftige Käufe vor allem wohl aus dem Ausland
00:22:47: und ab da wuchs Benz & C unaufhaltsam.
00:22:50: Bis eighteenhundertneunundneinzig wurde daraus eine Aktiengesellschaft mit über vierhundertdreißig Arbeitern.
00:22:55: Wahnsinn!
00:22:56: Zeitweise war das Unternehmen tatsächlich der größte Automobilhersteller der ganzen Welt.
00:23:00: Das muss man sich mal vorstellen...
00:23:02: Und nineteenhundertsechsunzwanzig kam dann die berühmte Fusion zur Daimler-Benz AG.
00:23:06: Ein total interessantes Detail der Geschichte ist übrigens, Gott liebt Daimlers und Karl Benz haben sich zu Lebzeiten nie persönlich kennengelernt Verrückt.
00:23:15: Wenn
00:23:16: ich mir diese ganzen Abläufe jetzt mal so ansehe, wird mir eines sehr klar.
00:23:20: Wir betrachten diese Fahrt heute ja wahnsinnig gerne als einen genialen PR-Stand.
00:23:26: Aber das war es gar nicht!
00:23:27: Es war ein fast verzweifeltes Experiment.
00:23:31: Zeigt uns das nicht eigentlich dass die wahren Durchbrüche in der Technologie extrem selten in sauberen Laboren oder irgendwelchen Marketingkonferenzräumen entstehen?
00:23:41: Sondern viel öfter dann, wenn jemand aus pragmatischer Verzweiflung sagt, Theorie hin oder her wir testen das jetzt in der echten Welt.
00:23:48: Absolut!
00:23:49: Die Konfrontation mit dieser rauen unvorhersehbaren Realität ist unersetzlich.
00:23:56: Ja Du kannst einen Motor im Labor hundertmal testen.
00:24:00: du wirst dort niemals herausfinden dass Holzbremsen an steilen Bergen verkohlen.
00:24:05: eben
00:24:05: diese Dinge erfährst du nur wenn du die kontrollierte Umgebung verlässt.
00:24:09: Und diese Mentalität des permanenten Testens in der Realität, die behielten die Benzens ja scheinbar bei.
00:24:15: Ohja!
00:24:15: Die Familie machte später ganz oft Ausflüge und Picknicks, die eigentlich nur getahnte Testfahrten waren...
00:24:21: ...die arme Familie?
00:24:23: Die älteste Tochter Clara stöhnte morgens am Frühstückstisch schon oft auf weil der Vater meinte wenn wir heute ins Grüne fahren achte doch bitte mal genau auf die Lenkung in den Kurven.
00:24:33: ich habe da was Neues eingebaut.
00:24:35: Clara wollte einfach nur ein total entspanntes Picknick und zack war sie wieder die unfreiwillige Beta-Testerin für ihren Vater.
00:24:44: Genau, solche kleinen Anekdoten machen das Lebenswerk so greifbar finde ich.
00:24:48: Ja.
00:24:49: Karl nannte Bertha später wagemutiger als sich selbst.
00:24:52: Sie verstarb nineteenhundertvierzig im hohen Alter von fünfmonenneunzig Jahren.
00:24:57: Fünfmonenundzig?
00:24:58: Wow!
00:24:59: Und hochdecoriert als Ehrensinnator in der technischen Hochschule Karlsruhe.
00:25:03: Sie war die unbeabsichtigt erste Autofahrerin der Welt, die eigentlich nur eher eingesetztes Kapital aber vor allem den Traum ihres Mannes retten wollte.
00:25:13: Genau das ist es eigentlich, was du aus unserer heutigen Analyse in deinen eigenen Alltag mitnehmen kannst.
00:25:19: Den unfassbaren Wert von rohen praktischen Tests!
00:25:23: Das Festhalten an verrückten Ideen und eben die Erkenntnis dass man das metaphorische Fahrzeug manchmal einfach heimlich aus der Garage schieben und losfahren muss anstatt auf die Erlaubnis der Zweifler zu warten.
00:25:37: Das bringt mich abschließend zu einem Gedanken den Du heute mal für Dich selbst durchspielen solltest Wenn wir uns anlehnen, wie damals jede scheinbar entspannte Ausfahrt der Familie Benz zu so einem gnadenlosen Beta-Test wurde.
00:25:50: Wie oft sind wir heute eigentlich genau wie die Tochter Clara beim Picnic?
00:25:54: Sehr
00:25:54: oft!
00:25:55: Wir laden uns neue Apps herunter, wir interagieren täglich mit neuen KI-Tools, wir installieren smarte Geräte in unseren Wohnzimmern und wir ärgern uns maßlos wenn das System hängt oder der Sprachassistent uns wieder mal nicht versteht Unsere Welt komplett beherrschen und formen werden.
00:26:13: Welchen Motorwagen fährst du also gerade Probe, ohne es überhaupt zu wissen?
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