Zauberer des Zirkels - Wunder der Kathedralen - 1

Shownotes

Wie mittelalterliche Baumeister ohne Papier und Blaupausen Meisterwerke erschufen

Stell dir vor, du stehst vor der Kathedrale Notre Dame in Paris – und plötzlich brennt nicht nur das Dach, sondern auch dein Bild von Architekturgeschichte. In dieser Folge tauchen wir tief ein in eine Zeit, in der Kathedralen ganz ohne Papier oder mathematische Formeln entstanden. Wir zeigen, wie die Meister des Mittelalters mit bloßem Gedächtnis, Seilen und Steinen wahre Wunderwerke erschufen – und warum der Mangel an Schreibmaterial das Denken einer ganzen Epoche prägte.

Gemeinsam hinterfragen wir den Mythos der verlorenen Baupläne, entdecken kreative Techniken vom Reißboden bis zu Wachstafeln und ziehen überraschende Parallelen zur digitalen Welt von heute. Was verlieren wir, wenn wir unser Wissen nur noch in Algorithmen speichern? Hör rein und entdecke, warum gerade die Grenzen der Technik zu den größten Meisterleistungen führen können.

Bei Zeitblicke entdecken wir die großen Ideen, Bauwerke und Geschichten vergangener Jahrhunderte. Folge dem Podcast, um keine Episode zu verpassen.

Diese Episode beruht auf dem Buch von Sonja Ulrike Klug: Zauberer des Zirkels. Kathedralen, Baupläne und die Kunst mittelalterlicher Baumeister. Kluges Verlag, 2025. (Paperback, Hardcover, E-Book)

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Weitere Bücher von Sonja Ulrike Klug zu spannenden historischen Themen:

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Transkript anzeigen

00:00:00: Stell dir vor, du stehst mitten in Paris.

00:00:02: Es ist der fünffzehnte April zwei tausend neunzehn und du siehst wie Notre Dame in Flammen aufgeht.

00:00:09: ja

00:00:10: diese furchtbaren Bilder haben wir wohl alle noch im Kopf

00:00:13: genau Wie dieser riesige hölzerne Dachstuhl einbricht wie der vierungsturm stürzt.

00:00:20: aber Und das ist architektonisch gesehen fast schon ein beruhigender Gedanke Wir wussten sofort wie wir das wieder aufbauen können.

00:00:27: richtig weil es extrem präzise digitale drei D-Scans gab.

00:00:31: Exakt,

00:00:32: Lasermessungen die eine gigantische Datenwolke im Computer erzeugt haben.

00:00:36: Wenn du heute diesen Turm rekonstruieren willst kannst du jeden Zentimeter des Gebäudes am Bildschirm heranzoomen.

00:00:43: ein perfektes digitales Backup für die Realität.

00:00:47: Man konnte sich quasi virtuell durch das gesamte Kirchenschiff bewegen und jeden Stein begutachten Und das lange bevor auf der tatsächlichen Baustelle auch nur ein einziger Handwerker den Mörtel anrühren musste.

00:01:00: Wir haben die volle Kontrolle,

00:01:01: weil wir die Form digital gespeichert haben.

00:01:04: und genau das bringt mich zu einem Szenario dass mir echt keine Ruhe gelassen hat.

00:01:09: was passierte eigentlich im Jahr?

00:01:11: twelvehundertzehn oder zwölfhundertfünfzig Blitzeinschläge in hölzerne.

00:01:15: Kirchtürme kamen im Mittelalter ja ständig vor.

00:01:19: Da brannte mal eben das halbe Lebenswerk eines Baumeisters nieder.

00:01:24: Wie

00:01:25: bauten die Menschen damals diese himmelsstürmenden, unendlich komplexen Kathedralen auf wenn sie kein digitales Beck abhatten?

00:01:32: Die verblüffende Antwort lautet nämlich, sie hatten nicht einmal Baupläne wie wir sie heute kennen.

00:01:38: Keine

00:01:38: Blaupausen!

00:01:39: Keine Grundrisse auf Papier?

00:01:40: Nichts!

00:01:41: Stell dir das mal vor du bist verantwortlich für ein Gebäude dass hundert Meter in die Höhe ragt tausende von Tonnen wiegt und du hast nicht mal einen verdammten Zettel für eine Skizze.

00:01:52: Aus unserer heutigen Perspektive wirkt das völlig absurd.

00:01:56: Jeder noch so kleine Schuppen im Garten erfordert heute eine Baugenehmigung mit dreidimensionalem Zeichnungen.

00:02:02: Ja, wir sind da extrem durchdigitalisiert!

00:02:05: Eben – unser Instinkt sagt sofort «das ist unmöglich».

00:02:09: Ein Meisterwerk der Gotik mit all seiner Statik und filigranen Kunst.

00:02:13: Das kann nicht ohne einen detaillierten Plan entstehen!

00:02:15: Und

00:02:15: wir schauen uns heute mal ganz genau an, warum unser Instinkt uns da gewaltig täuscht?

00:02:20: Wir wollen heute das Rätsel lösen, warum es vor dem dreizehnten Jahrhundert in der Praxis schlichtweg keine Bauzeichnungen gab.

00:02:28: Das

00:02:28: ist wirklich eine spannende Reise...

00:02:30: ...und das Faszinierende daran ist Es lag nicht daran, dass die Menschen damals irgendwie dümmer waren.

00:02:36: Es lag an einem völlig banalen Mangel an Schreibmaterial.

00:02:40: Genau!

00:02:40: Die materielle Realität.

00:02:42: Wir werden uns heute ansehen wie dieser Mangel das menschliche Gehirn und das architektonische Denken einer ganzen Epoche radikal geformt hat.

00:02:50: All diese Erkenntnisse – und noch viel mehr über die Baupläne von Kathedralen haben wir aus dem großartigen Buch Zauberer des Zirkels von Sonja Ulrike Klug.

00:02:59: Sonja Ulrike Klug setzt in ihrem Buch direkt an einem Punkt, der in der modernen Bau- und Kunstgeschichte lange Zeit völlig falsch dargestellt wurde.

00:03:07: Okay lass uns das mal auspacken.

00:03:09: da muss ich nämlich direkt einhaken.

00:03:10: Gerne!

00:03:11: Mein erster Gedanke war natürlich hatten die Baupläne.

00:03:15: Die sind nur über die Jahrhunderte einfach verbrannt oder im feuchten Keller von irgendeinem Kloster verrottet.

00:03:21: Das ist der klassische Mythos der verlorenen Pläne.

00:03:24: Es gibt auch Historiker, die genau das behauptet haben.

00:03:28: Die Trich Conrad oder Jean Gimpel zum Beispiel.

00:03:31: Die haben immer argumentiert, die Kathedrale stand ja am Ende aus Stein für die Ewigkeit.

00:03:37: Wozu sollte man den Papierkram danach noch aufheben?

00:03:40: Richtig!

00:03:41: Viele Historiker sind da eine Art kognitiven Verzerrung aufgesessen.

00:03:45: Sie haben einfach unterstellt dass es seit der Antike ein ungebrochenes Kontinuum des Bauwissens gab

00:03:50: Nach dem Motto, die Römer hatten Pläne also mussten die Gotikbaumeister auch welche haben.

00:03:55: Exakt!

00:03:55: Aber klug zeigt sehr deutlich diese mittelalterlichen Entwurfspläne vor dem dreizehnten Jahrhundert sind nicht verschollen.

00:04:02: sie haben schlichtweg nie existiert.

00:04:04: Wahnsinn.

00:04:04: Und der Grund dafür ist wie du schon meintest schiere materielle Not.

00:04:08: In Europa herrschte ein so extremer Muggle an Beschreibstoffen das die Realität des Materials die Planung diktiert hat.

00:04:15: Wenn wir von Beschreibstoffen reden Die Röme hatten doch Papyrus.

00:04:19: Der berühmte Architekt Wietruf hat seine ganzen Architek-Tourbücher darauf geschrieben.

00:04:24: Das Zeug war flexibel, man konnte es zu riesigen Rollen zusammenkleben?

00:04:28: Ja!

00:04:29: Warum haben die kathedralen Bauern nicht einfach eine Ladung Papyrus bestellt?

00:04:33: Naja, Papyris war tatsächlich der Motor für das Wissen der Antike aber die Pflanze wuchs fast ausschließlich in Ägypten.

00:04:41: Das gesamte Material musste von dort nach Europa importiert werden.

00:04:45: Und mit den massiven politischen Veränderungen ab dem siebten Jahrhundert, insbesondere der islamischen Expansion im Mittelmeerraum, versiegte dieser Import nach und nach.

00:04:53: Die Handelsrouten waren also gekappt?

00:04:55: Genau!

00:04:55: Spätestens im elften Jahrhundert saß Europa buchstäblich auf dem Trockenen was Papyrus anging.

00:05:00: Um das mal einzuordnen – das letzte nachweisbare Papyrustokument im Vatikan stammt aus dem Jahrtausend fünfzig.

00:05:07: Krass!

00:05:08: Danach war Schluss….

00:05:09: Danach gab es als einzigen Ersatz auf dem gesamten Kontinent nur noch Pergament.

00:05:13: Pergamente wird aus Tierhäuten gemacht, richtig?

00:05:17: Also Kälber, Ziegen oder Schafe?

00:05:19: Richtig!

00:05:20: Das stelle ich mir handwerklich aber deutlich komplizierter vor, als ein bisschen Schilf am Niel zu pressen.

00:05:25: Es ist ein enorme Aufwand.

00:05:26: Man darf Pergamento nicht mit Leder verwechseln.

00:05:29: Leder wird gegärbt

00:05:30: Und Pergament?

00:05:31: Pergamment wird in einer extrem scharfen Kalklauge eingelegt um die Haare zu lösen.

00:05:36: Dann wird es nass auf riesige Holzrahmen gespannt, mit speziellen Messern hauchdünn gescharbt, getrocknet wiedergescharbt und am Ende mit Bimsstein aufwendig geglättet.

00:05:46: Puh!

00:05:46: Dieser unglaublich arbeitsintensive Prozess machte das Material absurd teuer.

00:05:51: Hast du deine Zahl im Kopf?

00:05:53: nur damit man sich diese Dimension mal besser vorstellen kann.

00:05:56: Nehmen wir ein Beispiel abseits der Architektur für einen einzigen königlichen Gerichtstag in England im dreizehnten Jahrhundert, also wirklich nur um ein paar Protokolle und Urteile mitzuschreiben mussten fünfhundert Schafe ihr Leben lassen.

00:06:09: Fünfhundert-Schafe?

00:06:11: Ja!

00:06:11: Für

00:06:11: einen einziger Tag Bürokratie.

00:06:14: Das ist ja völlig irre, wenn ich jetzt als Baumeister einen Entwurf für die Westfassade einer Kathedrale zeichnen will und vielleicht noch zwei drei alternative Version ausprobieren möchte.

00:06:24: Dann wird's teuer!

00:06:24: Da müsste ich ja ein mittelgroßen landwirtschaftlichen Betrieb opfern.

00:06:28: Zumal die Menschen im Mittelalter diese Tiere ja dringend lebend brauchten oder?

00:06:31: Absolut Die Wolle war existenziell für die Kleidung, Milch und Ernährung.

00:06:35: Man konnte nicht einfach Herden für ein paar Skizzen schlachten.

00:06:38: Der ökonomische Aspekt möchte das Kizzieren auf Pergament also zu einem absoluten Luxus

00:06:43: Ein Luxus den sich fast niemand leisten konnte.

00:06:46: Aber es gibt noch einen viel dramatischeren Grund der aus bautechnischer Sicht gegen Pergamento spricht.

00:06:53: Es ist ein organisches Material

00:06:55: Und das heißt?

00:06:56: Es reagiert extrem sensibel auf Luftfeuchtigkeit.

00:07:00: Was passiert da genau, wenn ich so einen Plan auf der Baustelle ausrolle?

00:07:05: Die Tierhaut arbeitet.

00:07:07: Wenn die Luft auf einer feuchten nebligen Baustell im November feucht wird, dehnt sich das Pergament aus.

00:07:13: Scheint am nächsten Tag die pralle Sonne darauf, schrumpft es wieder zusammen und wird total wellig.

00:07:18: Das ist ja wie eine Blaupause auf einen feuchten Schwamm zu malen, ein Albtraum für jeden Statiker!

00:07:24: Du versuchst, ein Gewölbe für ein hundert Meter langes Kirchenschiff zu berechnen – am nächsten Morgen ist deine Zeichnung durch den Regen um zwei Zentimeter geschrumpft.

00:07:32: Genau.

00:07:33: Wenn du auf dieses Material einen Maßstabsgetreuen Plan zeichnest, verzerren sich die Proportionen mit jedem Wetter wechselvöllig.

00:07:40: Und noch schlimmer, durch das ständige Ausdehnen und Zusammenziehen blättert die getrocknete Tinte irgendwann einfach ab.

00:07:47: Das stürzt dir doch der ganze Turm ein!

00:07:49: Okay, Pergament scheidet also für Präzisionspläne völlig aus – aber Moment mal was ist eigentlich mit Papier?

00:07:56: Ah, das Papier...

00:07:57: Wenn ich an Marco Polo und die Seidenstraße denke….

00:08:00: Die Chinesen hatten das doch schon längst erfunden.

00:08:03: Warum hat man nicht einfach Papier

00:08:05: importiert?!

00:08:06: Das ist vielleicht eines der spannendsten Kapitel der europäischen Kulturgeschichte.

00:08:11: Das Papier legte tatsächlich eine jahrhunderte-lange Reise zurück, von China über die arabische Welt!

00:08:17: Die Araber hatten also Papier?

00:08:19: Ja, die islamische Kultur erlebte übrigens genau in dieser Zeit – getragen durch das günstige Papier – eine beispiellose wissenschaftliche und architektonische Blüte.

00:08:30: Über das muslimische Spanien schwappte dieses Wissen dann langsam in Richtung Zentraleuropa.

00:08:36: Aber Europa hat das nicht direkt angenommen?

00:08:38: Nein, Europa lehnte diese revolutionäre Technologie anfangs massiv ab.

00:08:42: Aber warum?

00:08:44: Warum währt man sich gegen etwas, dass so unglaublich

00:08:46: praktisch ist?

00:08:47: Aus rein ideologischen Gründen!

00:08:49: Sonja Ulrike Klug erwähnt da ein berühmtes Beispiel von Petrus Vinerabeles.

00:08:55: Wer war das?

00:08:56: Das war der Abt des mächtigen Klosters Cluny.

00:08:58: Er reiste im zwölften Jahrhundert nach Spanien und sah dort den Koran, der auf Papier geschrieben war.

00:09:05: Für ihn war das ein absoluter Schock.

00:09:07: Warum?

00:09:08: Er nannte es verächtlich den Beschreibstoff der Ungläubigen.

00:09:12: Man muss wissen, frühe Papiere wurde aus Lumpen hergestellt – also aus alten zerschlüsselnden Kleilern!

00:09:18: Ah okay….

00:09:19: Für einen christlichen Kläriker war es schlichtweg undenkbar, dass heilige ewig wehrende Wort Gottes auf den abfällen Alter Kleider festzuhalten Statt auf markelosen weißen Pergament.

00:09:32: Da

00:09:32: blockiert also religiöser Stolz den technologischen Fortschritt, das ist ja Wahnsinn!

00:09:37: Es

00:09:37: dauerte ewig bis dieser Widerstand brach.

00:09:40: Erst als man in Italien genauer gesagt in Fabriano um des Jahr twelvehundertsechsundsiebzig anfing Papiermühlen mit Wasserkraft zu betreiben begann ganz langsam eine europäische Produktion.

00:09:51: Aber das hat gedauert

00:09:52: Richtig bis dieses Papier wirklich billig und auf jeder Baustelle verfügbar war, vergingen weitere Jahrhunderte.

00:09:59: Okay

00:09:59: fassen wir mal zusammen.

00:10:00: Papyrus fällt im elften Jahrhundert weg, Papier wird erst viel später massentauglich Und Pergament ist sündhaft teuer und unzuverlässig wie nasserschwamm.

00:10:11: Was haben die Architekten in der Zwischenzeit gemacht?

00:10:15: Es gibt doch in Museen ein paar sehr alte Pläne auf Pergaments zu sehen.

00:10:19: Ja...die gibt es!

00:10:22: Die ersten sogenannten Risse auf Pergament tauchen aber erst um das Jahr zwölfhundertfünfzig auf.

00:10:27: Bekannt sind etwa die Reimsar-Palimpseste oder die berühmten Risse des Kölner Domes.

00:10:35: Das zeigt die materielle Not sehr gut!

00:10:38: Ein Palimpsest entsteht, wenn man ein altes bereits beschriebenes Pergument nimmt, die alte Tinte mühsam wieder abkratzt oder abwäscht und das Material dann neu beschreibt.

00:10:47: Man hat also alte Bücher recycelt, weil man nichts anderes hatte?

00:10:52: Ganz genau!

00:10:52: Und wie muss ich mir diesen berühmten RIS F vom Kölner Dom vorstellen?

00:10:57: Wenn der aus recycelten Fetzen besteht ist es ja wahrscheinlich kein schöner glatter Dean-Annelbogen.

00:11:03: Überhaupt

00:11:03: nicht – Der RISF ist gigantisch über vier Meter hoch aber er besteht aus zwanzig einzelnen Pergamentsstücken völlig unterschiedlicher Qualität die wild zusammengeklebt und vernäht wurden.

00:11:15: Zwanzig

00:11:15: Stücke!

00:11:16: Ja, man hatte eben keine großen durchgehenden Flächen.

00:11:19: Man musste nehmen was man kriegen konnte wie bei einem riesigen Flickenteppich

00:11:24: Ein vier Meter großer Flickentappich Wahnsinn.

00:11:27: und wie hat man darauf diese extrem präzisen gotischen Maßwerke gezeichnet?

00:11:32: Gute

00:11:32: Frage.

00:11:33: Also wenn ich im Kunstunterricht früher einen perfekten Kreis zeichnen sollte, habe ich die Zirkelspitze fest in den Block gerammt und das Ding gedreht.

00:11:41: Und genau das konnten die Baumeister des Mittelalters nicht tun?

00:11:44: Warte mal!

00:11:45: Die Architekten der Gothic, die wir ja vorhin noch als Zauberer des Zirkels bezeichnet haben, die konnten ihren eigenen Zirkeln nicht auf dem Plan

00:11:53: benutzen?!

00:11:54: Richtig – digitale Forschungen zum Beispiel von Dieter Bücher, der historische Pläne extrem hoch auflösend untersucht hat brachten da etwas völlig verblüffendes Zutage.

00:12:05: Die Zeichner haben auf diesen Pergamentplänen gar keinen Zirkel benutzt.

00:12:09: Aber warum denn nicht?

00:12:11: Wegen der Physik des Materials, wenn du die spitze Nadel eines Zirkels fest in ein strafgespanntes Stück Tierhaut drückst und drehst erzeugst Du eine sogenannte Blind-Rille.

00:12:22: Der Druck schneidet das Pergument fast wie ein Skalpell auf.

00:12:26: Wenn du das bei komplexen Konstruktionen mit vielen sich überschneidenden Kreisen machst, zerschneidest Du den teuren Plan in kleine Stücke.

00:12:34: Er wäre völlig ruiniert.

00:12:35: Okay, das leuchtet ein!

00:12:37: Aber wie zeichne ich dann einen perfekten Bogen für so ein riesiges Kirchenfenster?

00:12:41: Sie nutzen eine Methode namens

00:12:44: Prickings.

00:12:44: Ja sie starten mit einer extrem feinen Nadel winzige kaum sichtbare Leitpunkte in das Pergament Und dann haben sie die Kreise und Linien zwischen diesen winzigen Punkten frei händig mit einem Pinsel oder einer Feder nachgezogen.

00:13:00: Das heißt Moment, man hat die fantastischsten geometrischen Bauwerke der Menschheitsgeschichte entworfen indem man quasi frei händig mal nach Zahlen auf Tierhäuten gespielt hat.

00:13:11: Ganz genau so war es!

00:13:12: Da muss logischerweise jede Linie wackeln.

00:13:16: Die zeichnerischen Ungenauigkeiten waren immens.

00:13:20: Und das führt zu der zentralen These von Sonja Ulrike Klug?

00:13:24: Ein solcher Pergamentplan taugte schlichtweg nicht als exakter Bauplan.

00:13:28: Weil die Maße gar nicht stimmen!

00:13:30: Genau, ein Steinmetz konnte nicht einfach einen Lineal an den Riss anlegen, dass Maß mal zehn nehmen und dann einen Steinblock millimetergenau behauen.

00:13:39: Das hätte niemals wirklich niemals gepasst...

00:13:46: meine Konstruktionen nicht präzise auf dem Plan ausführen kann.

00:13:51: Wofür ist der Plan dann gut?

00:13:53: Was ist zum Beispiel mit diesem berühmten Skizzenbuch von Willard de Onécourt, von den man in der Kunstgeschichte immer wieder liest?

00:14:00: Ah!

00:14:01: Willard De Onécour ein gebildeter Mann aus der Piccadilly im XIII.

00:14:05: Jahrhundert Er hat uns dieses legendäre portfoliovolle architektonische Skizen hinterlassen.

00:14:10: Und war das kein Bauplan?

00:14:12: Lange dachte man das.

00:14:14: Man hielt es für das Notizbuch eines bauenden Architekten, aber klug stellt klar – wegen der fehlenden Präzision waren solche Pergamente niemals Konstruktionsvorgaben für ein spezifisches Gebäude

00:14:27: Sondern

00:14:27: Es waren Mustersammlungen Gedächtnisstützen für Motive.

00:14:31: Baumeister tauschten damit Ideen aus Aber niemand hat auf der Baustelle gestanden und nach diesen Zeichnungen einen Gewollbe berechnet.

00:14:39: Die eigentliche Präzisionsarbeit musste zwingend auf andere harte Materialien ausgelagert werden.

00:14:45: Hier wird es wirklich interessant, wenn der Plan also nicht auf dem Tisch liegt muss er ja im Kopf des Baumeisters sein und das erfordert von diesen Menschen eine völlig andere Art der geistigen Leistung.

00:14:57: Der Papiermangel erzwingt ein radikal anderes architektonisches Denken.

00:15:01: Um das zu verstehen, müssen wir uns klarmachen dass die europäische Gesellschaft damals bis weit in die Renaissance hinein überwiegend eine präliterale Kultur war

00:15:09: Eine mündliche Kultur.

00:15:11: Richtig Viele der grandiosen Handwerksmeister konnten weder lesen noch schreiben.

00:15:16: Sie besaßen ein unglaubliches räumliches Vorstellungsvermögen aber keine Schrift.

00:15:20: Und was ist mit rechnen?

00:15:22: um Statik zu berechnen brauche ich doch Mathematik

00:15:25: Im modernen Sinne rechnen konnten sie auch nicht.

00:15:28: Was?

00:15:28: Wie meinst du

00:15:29: das?!

00:15:29: Wir dürfen nicht vergessen, dass sich die arabischen Ziffern mit denen wir heute völlig selbstverständlich arbeiten erst sehr spät in Europa durchsetzten!

00:15:37: Die Baumeister kannten meist nur römische Ziffernen.

00:15:39: Oh

00:15:40: Gott... Stell dir vor, du sollst mit römischem Buchstaben eine komplexe Division für eine Gewölbespannweite durchführen.

00:15:46: Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.

00:15:48: Da scheitere ich ja schon im Kopf, wenn nicht beim Abspannen von einem alten Film das Produktionsjahr entziffern will.

00:15:54: Und weil das externe Speichermedium Papier für die Vergangenheit und die Zukunft fehlte lebten und planten diese Menschen vollkommen hier und jetzt?

00:16:02: Sie haben aus dem Gedächtnis gebaut!

00:16:04: Ja – sie planten direkt am Objekt während es in die Höhe wuchs.

00:16:09: Das nennt man einen offenen Masterplan.

00:16:11: Das erklärt auch diese seltsamen Phänomene, wenn man heute alte Kirchen besucht.

00:16:16: Man sieht oft so ganz abruptes Stilbrüche und es alles massiv romanisch und der Turm oben drauf ist plötzlich filigrane Gotik.

00:16:25: Exakt!

00:16:26: Wenn der Baumeister nach dreißig Jahren wechselte oder starb gab es keine Akte in einem Büro in der Stand.

00:16:33: So hat der Meister sich das im Jahr twelvehundertzehn bis ins letzte Detail gedacht.

00:16:37: Der neue Meister kam und baute nach seinem Gedächtnis weiter.

00:16:40: Die

00:16:40: Autorin greift die eine brillante Metapher des Medientheoretikers Walter Ong auf, wer bei mittelalterlichen Bauten nach exakten Pleinen sucht, der sucht beim Pferd, nach Lenkrad- und Motor – nur weil er selbst in einer Welt aufgewachsen ist, in der es nur noch Autos gibt?

00:16:55: Wow!

00:16:55: Die Analogie ist großartig….

00:16:58: Wir projizieren unsere papierbasierte Denkweise auf eine Kultur, die nach völlig anderen Regeln funktionierte.

00:17:04: Das Pferd hat kein Motor, aber es bringt dich ans Ziel.

00:17:07: Richtig – auf eine organische Art!

00:17:09: Aber wenn ich also nicht auf Papier vorausplanen kann und wenn ich keine komplexe Statik mit arabischen Ziffern berechnen kann… wie sorg' ich dann dafür dass mir der ganze Kölner Dom nicht einfach auf den Kopf fällt?

00:17:22: Das Geheimnis liegt im intuitiven Handlungswissen.

00:17:26: Dieses Wissen war nicht theoretisch oder abstrakt, es war tief im Körper und in der praktischen Erfahrung verankert.

00:17:31: Klug zitiert dazu eine sehr erhellende Anekdote aus der Forschung von Jonathan Bloom Es geht um ein Aufeinandertreffen der Welten.

00:17:40: Ein moderner Architekt tricht auf einen traditionellen islamischen Baumeister, der aus einer Kultur stammt die dieses Bauen ohne schriftliche Pläne ebenfalls über Jahrhunderte perfektioniert hat.

00:17:49: Und was passiert da?

00:17:50: Der moderne Architekt beobachtet, wie der traditionelle Meister einen perfekten Bogen aus Ziegeln mauert.

00:17:57: Er geht zu ihm und fragt ihn nach dem Zentrum dieses Bogens.

00:18:01: Er will also die abstrakte Geometrie wissen – den Radius?

00:18:05: Die Formel?

00:18:05: Genau!

00:18:06: Aber der traditionele Baumeister schaute ihn nur verständnislos an….

00:18:11: er verstand die Frage überhaupt nicht.

00:18:12: Er konnte diesen Bogen fehlerfrei bauen, er hatte die Bewegung und die Platzierung der Steine zehntausendmal gemacht.

00:18:19: Und von seinem peigenen Meister durch reines Nachmachen gelernt.

00:18:22: Wahnsinn!

00:18:23: Aber er konnte dieses Wissen nicht theoretisch vom physischen Bauwerk trennen und erklären.

00:18:29: Das ist wie beim Fahrradfahren Ich kann perfekt die Balance halten aber wenn du mich bittest die physikalische Formeln für die Gyrus-Kurbeffekte aufzuschreiben bin ich völlig aufgeschmissen.

00:18:39: das wissen steckt in den Muskeln.

00:18:41: Ein sehr guter Vergleich.

00:18:43: Aber jetzt kommt die große Frage!

00:18:46: Das Wissen ist im Kopf des Meisters, wie übersetzt er dieses Wissen auf die Baustelle?

00:18:51: Da laufen ja hundert Handwerker rum – Wie funktionierte die Praxis wenn das Papier fehlte?

00:18:58: Die Antwort liegt direkt unter unseren Füßen auf dem Bauplatz.

00:19:02: Lange Zeit gab es den ihrglauben Architekten hätten ihre Grundrisse an einem Schreibtisch entworfen.

00:19:06: Das beruhte sogar auf einer Fehlübersetzung des Wortes Diskriptio bei Vitruv.

00:19:10: Ach wirklich?

00:19:11: Ja, man dachte das hieße Aufzeichnen – in Wirklichkeit bedeutet es abstecken!

00:19:16: Das Aufmaß des Grundrisses passierte im Maßstab eins zu eins direkt auf dem Erdboden der Baustelle.

00:19:21: Die Kathedrale selbst war also ihr eigener Bauplan.

00:19:25: Aber wie haben die das gemacht?

00:19:26: du kannst ja ne Hundert Meter lange Mauer nicht per Augenmaus gerade ziehen.

00:19:30: Man brauchte nur einfachste Werkzeuge Den Bodenzirkel Flöcke und dicke Seile, sogenannte Schnurzirkel.

00:19:37: Und man nutzte Visiereinrichtungen wie die Groma.

00:19:40: Warte kurz was genau ist eine Groma?

00:19:43: Stell

00:19:43: dir ein Holzkreuz vor das waagerecht auf einem Stab montiert ist.

00:19:48: An den vier Enden dieses Kreuzes hängen Schnüre mit Bleigewichten hin ab.

00:19:52: Okay habe ich vor Augen.

00:19:53: Wenn du über diese Schnüre peilst Kannst du im Gelände absolut perfekte, recht Winkel abstecken und Schnurr gawade Linien über weite Distanzen ziehen – selbst wenn der Boden uneben ist.

00:20:04: Und wie wird daraus ein Grundtriss für ein Gebäude das so unfassbar komplex ist als die Kathedrale von Chartres?

00:20:10: Durch konstruktive Geometrie!

00:20:13: Direkt im Schlamm.

00:20:14: Du brauchst keine Zahlen.

00:20:16: Nimm einen Seil und einen Flock.

00:20:18: Du rammst den Flock in den Boden Spannst das Seil & ziehst einen Kreis eins zu eins.

00:20:24: Dann nimmst du exakt dasselbe Seil, steckst den Flock genau auf die Außenlinie des ersten Kreises und ziehst einen zweiten Kreis.

00:20:33: Da wo sich die beiden Kreise überschneiden entsteht eine Form die vesica pisces genannt wird.

00:20:39: Dabei entstehen ganz natürliche Schnittpunkte.

00:20:42: Wenn Du die verbindest erhältst du perfekte rechte Winkel- und gleichseitige Dreihecke.

00:20:48: Keine komplexe Mathematik nötig.

00:20:49: Das ist brillant!

00:20:51: Einfach nur Flöcke, Seile und sich überschneidende Kreise gleichen Radios.

00:20:56: Aber was ist mit den ganz feinen Details?

00:20:59: Diesem filigranen Maßwerk in den Fenstern – das kannst du ja schlecht mit einem dicken Hanfseil in den Match zeichnen.

00:21:05: Nein für die Details kommt die Praxis des Ritzens-und Reisens ins Spiel.

00:21:09: Die Meister nutzten harte unveränderliche Oberflächen vor Ort

00:21:13: Also kein Pergament mehr

00:21:14: Genau.

00:21:15: Sie ritzten diese Risse direkt in den flachen Steinboden der Kirche oder auf eine glatte Gipsschicht im sogenannten Reisboden, auch hier wieder im Maßstab eins zu eins.

00:21:26: Klar weil sich Stein und Gips bei Feuchtigkeiten nicht verziehen – im Gegensatz zur Tierhaut.

00:21:31: Exakt!

00:21:32: Der Steinriss garantierte absolute Maastreue.

00:21:36: Wenn die Linien in den Stein gekratzt waren, fertigte man passgenauer Holz-Schablonen

00:21:42: an.

00:21:42: Diese dünnen Holzbretter drückte man den Handwerkern in die Hand und die Steinmetze haben ihre Quader genau nach diesen Vorgaben behauen.

00:21:50: Das System war perfekt auf die materielle Realität abgestimmt.

00:21:54: Aber was ist, wenn der Meister mal eben eine schnelle Idee festhalten wollte oder einem Lehrling etwas zeigen musste?

00:22:00: Dafür ritzt man ja nicht gleich den halben Fußboden auf.

00:22:03: Dafür griff man auf eine Technik zurück, die schon die Römer perfektioniert hatten kleine Wachstafeln Holzbrettchen, die mit Bienenwachs überzogen waren.

00:22:12: Ah

00:22:12: stimmt!

00:22:13: Man ritzte mit einem Stift etwas ein zeigte es dem Handwerker und danach konnte man das Wachs einfach mit der flachen Seite des Stifts wieder glatt streichen.

00:22:22: Das war quasi der widerverwendbare Notizzettel des Mittelalters

00:22:26: Ein faszinierendes Ökosystem immense Gedächtniskunst, Geometrie mit Seilen, Steinritzungen, Wachstafeln und Holzschablonen.

00:22:37: Das bringt mich zu der großen Frage – wann ist diese Epoche zu Ende gegangen?

00:22:41: Das war ein schleichender Prozess!

00:22:43: Wann kam dieser Architekt den wir uns heute klischeehaft vorstellen, der im Büro sitzt und das Gebäude auf dem Papier plant?

00:22:50: Das schlug erst mit der Renner Chance ab dem XV und XVI Jahrhundert richtig durch.

00:22:54: Zwei Dinge kamen zusammen.

00:22:56: Zunächst das Material.

00:22:57: Durch die Papiermühlen wurde extrem günstiges Papier massenhaft verfügbar.

00:23:01: Man

00:23:01: konnte also hunderte Seiten verschwenden?

00:23:04: Genau!

00:23:05: Und die zweite Entwicklung war ein mathematischer Durchbruch, Die Kodifizierung der technischen Zeichnung.

00:23:10: Genauer gesagt die mehrfache Orthogonalprojektion.

00:23:15: Okay das musst du erklären.

00:23:17: Orthogonalprojektionen klingt nach Mathe-Leistungskurs.

00:23:20: Es

00:23:20: ist die Technik, ein dreidimensionales Gebäude in mehreren zweidimensionalen Ansichten darzustellen.

00:23:27: Also Grundriss ab von oben, Aufriss von vorne und einen Schnitt durch die Mitte

00:23:32: Verstehe.

00:23:33: Wenn du das mathematisch korrekt konstruierst kannst Du die wahren Längen Maßstabsgetreuung und verzerrungsfrei auf Papierbannen.

00:23:41: Plötzlich war das Papier der freihändigen Zeichnung Haus hoch überlegen

00:23:46: Und ich nehme an gedruckte Lehrbücher haben dann ihr übriges getan.

00:23:49: Ganz genau Ein Pionier war Leon Batista-Alberti.

00:23:54: Er forderte ab dem Jahr fourteenhundertdreienvierzig geradezu dogmatisch die komplette Vorplanung eines Bauwerks, er verlangte Zeichnungen bevor draußen auch nur der erste Spatenstich gesetzt wird.

00:24:06: In dem Moment wandelte sich also der Meister auf der Baustelle zum Architekten am Schreibtisch

00:24:12: Sozusagen.

00:24:13: ja

00:24:14: Wenn du, liebe Zuhörerin, lieber Zuhöhrer das nächste Mal vor einem Gebäude wie dem Kölner Dom stehst dann schau dir diese gigantischen Meisterwerke mal aus einem neuen Blickwinkel an.

00:24:24: Sie sind nicht trotz der Beschränkungen ihrer Zeit so atemberaubend geworden sondern genau wegen dieser Beschränkung

00:24:30: ein sehr schöner Gedanke.

00:24:32: die mangelnde Verfügbarkeit von Papier und Pergament zwang diese zauberer des Zirkels zu einer unfassbaren Gedächtnisleistung Zu improvisierten Bauern im Hier und Jetzt.

00:24:44: Die Baupläne brauchten jahrhunderte bis billiges Papier- und neue Projektionstechniken, das moderne Architekturbüro überhaupt erst möglich machten.

00:24:53: Wir

00:24:53: bauen unsere Werkzeuge – und danach formen unsere Werkzeuge uns.

00:24:58: Und das bringt mich zu einem letzten echt provokanten Gedanken für heute.

00:25:02: Etwas dass gar nicht in den Quellen steht aber worüber man mal nachdenken sollte.

00:25:06: Erinnerst du dich an die drei D-Scans von Notre Dame aus unserem Intro?

00:25:10: Mhm, ja klar.

00:25:11: Heute lagern wir all unser Wissen in Algorithmen, Building Information Modeling und in die Cloud aus.

00:25:17: Der moderne Architekt verlässt sich auf die Software fast so blind wie der mittelalterliche Meister sich auf sein Gehirn verließ.

00:25:24: Da ist was dran!

00:25:25: Aber verlieren wir durch das unendliche digitale Papier unserer Zeit vielleicht genau jenes intuitive körperliche Handlungswissen, dass uns einst befähigte Kathedralen für die Ewigkeit zu bauen?

00:25:39: Werden wir von Schöpfern zu bloßen Administratoren unserer Maschinen?

00:25:44: Denkt da mal drüber nach.

00:25:45: Wir hören uns beim nächsten Mal!

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