Zauberer des Zirkels - Wunder der Kathedralen - 3
Shownotes
Rechnen und Zeichenkunst im Mittelalter
Komplexe Kathedralen wie Notre Dame de Paris wurden ohne digitale Scans, nur mit kreativen Köpfen und ein paar Seilen errichtet. In dieser Folge nehmen wir dich mit ins Mittelalter und zeigen, wie Kathedralen trotz Papiermangel, teurem Pergament und fehlender Mathematik zu Meisterwerken wurden. Wir räumen mit Mythen auf, decken die unglaublichen Gedächtnisleistungen der Baumeister auf und erklären, wie geometrisches Wissen direkt am Bauplatz zur Kunst wurde. Gemeinsam entdecken wir, warum Baustellen damals lebendige Labore waren und wie moderne Werkzeuge unsere Denkweise prägen. Am Ende bleibt die Frage: Was verlieren wir, wenn wir alles der Digitalisierung überlassen?
Bei Zeitblicke entdecken wir die großen Ideen, Bauwerke und Geschichten vergangener Jahrhunderte. Folge dem Podcast, um keine Episode zu verpassen.
Diese Podcast-Folge beruht auf dem Buch von Sonja Ulrike Klug: Zauberer des Zirkels (Paperback, Hardcover, E-Book), Kluges Verlag, 2025
<https://www.amazon.de/dp/3910321372>
Weitere spannende Bücher zu geschichtlichen Themen von Sonja Ulrike Klug
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Transkript anzeigen
00:00:00: Weißt du, wenn wir an moderne Architektur denken erwarten wir ja diese absolute greifbare Präzision.
00:00:09: Das ist fast wie bei einer medizinischen Diagnose.
00:00:12: Absolut!
00:00:13: Du brichst dir den Arm das Röntgenbild zeigt diese klare weiße Linie und der Arzt zeigt einfach darauf und sagt da is es
00:00:21: Genau.
00:00:21: Es ist binär Also gebrochen oder eben nicht gebrochene, es ist eindeutig berechnet und vor allem sauber dokumentiert.
00:00:28: Und das ist beruhigend!
00:00:30: Wir mögen es halt wenn Dinge sichtbar und messbar sind.
00:00:33: Wenn heute ein Wolkenkratzer gebaut wird haben wir Software, Statikprüfungen, detaillierte Blaupausen.
00:00:40: Alles ist bis auf den Millimeter genau berechnet.
00:00:44: Richtig da wird nichts dem Zufall überlassen.
00:00:47: Aber wenn wir dann einen Schritt zurück in das Mittelalter machen und uns mal vor diese gigantischen, in den himmelragenden Kathedralen stellen, dann zerbricht unsere moderne Röntgenmaschine plötzlich.
00:00:57: Ja!
00:00:58: Das kann man so sagen... Wir
00:00:59: blicken auf eine Planungslandschaft die ehrlich gesagt völlig nebulös erscheint.
00:01:04: Es ist die absolute Definition von architektonischem und mathematischem Blindflug.
00:01:08: Also zumindest aus unserer heutigen Perspektive.
00:01:11: Und genau in diesem Blindflig stürzen wir uns heute.
00:01:14: Wir stützen uns dabei auf das Buch Zauberer des Zirkels von Sonja Ulrike Klug, dass du uns eingereicht hast.
00:01:21: Ein wirklich faszinierendes Buch!
00:01:24: Absolut – unser Ziel ist es zu verstehen wie diese Meisterwerke ohne unsere heutige Mathematik entstanden sind.
00:01:31: Denn wir glauben oft fälschlicherweise, daß die Baumeister des Mittelalters und heutiger Architekten an einem großen Schreibtisch saßen.
00:01:40: Mit Stiftpapier- und komplexen mathematischen Formeln?
00:01:43: Genau.
00:01:43: Aber wenn wir diese Vorurteile über Bord werfen, stoßen wir direkt auf das erste gigantische Problem.
00:01:50: Die Zahlen.
00:01:51: Oh ja!
00:01:51: die Zahlen.
00:01:52: Ich habe beim Lesen im Text ein sehr konkretes Beispiel gefunden, dass mich echt zum Nachdenken gebracht hat.
00:01:58: Nimm mal die Zahlen neunhundert vierundachtzig.
00:02:01: In unseren heutigen arabischen Ziffern sind das drei simple Zeichen – die Neuen, die Acht und die Vier.
00:02:09: aber in römischen Ziffern
00:02:11: Das wird lang?
00:02:12: Ja, da schreibt sich das CMLXXXIV.
00:02:19: Ich meine wie soll denn damit überhaupt multiplizieren oder dividieren?
00:02:22: Das ist der Punkt!
00:02:23: Das hat man nicht.
00:02:24: Allein schon diese Ziffer aufzuschreiben fühlt sich ja an wie eine eigene Rechenaufgabe bei der man gleichzeitig addieren und subtrahieren muss.
00:02:32: Man hat damit schlichtweg gar nicht schriftlich gerechnet.
00:02:36: es war praktisch unmöglich.
00:02:39: Die römischen Ziffern, die er seit der Antike überliefert waren sind extrem unübersichtlich.
00:02:45: Die Buchstaben entsprechen teilweise abgekürzten Wörtern wie das C für Gentum also hundert.
00:02:51: andere sind visuelle Halbierungen
00:02:54: Wie das L für fünfzig oder?
00:02:55: Genau!
00:02:56: Das L ist eigentlich ein halbes C Und einige stammen von Handgästen wie das V für fünf, was die gespreizte Hand symbolisiert.
00:03:04: Ah,
00:03:05: das macht Sinn!
00:03:05: Es ist ein System, dass für das Zellen von Schafen oder Legionären entwickelt wurde aber definitiv nicht für komplexe Statik- oder fortgeschrittene Mathematik.
00:03:15: In Ordnung... Wenn CMLXXV also ein reines Dokumentationswerkzeug war.
00:03:21: Wo passierte denn die eigentliche Magie?
00:03:23: Ja,
00:03:23: das ist die große Frage!
00:03:25: Wie hat der Nürnberger Kaufmann oder dem Mittelalterliche Bauherr seine Kosten berechnet bevor er zur Federgriff?
00:03:31: Sie haben gegenständlich gerechnet – physisch.
00:03:34: Physisch?!
00:03:35: Wie muss ich mir das vorstellen?
00:03:36: Sie nutzten Rechentücher den Abakus oder sogenannte Linien auf denen sie Münzen- oder Rechenfennige hin und her schoben.
00:03:44: Das nannte man Rechnen auf der Linie.
00:03:47: In Ordnung
00:03:48: Stell dir einen Holztisch vor, auf dem horizontale Linien gezeichnet sind.
00:03:53: Die unterste Linie steht für die Einer... ...die darüber für die Zehner dann die Hunderter...
00:03:58: Und dazwischen?
00:03:59: Dazwichen liegen die Fünferschritte!
00:04:01: Du legst also eine Münze auf die Zehenerlinie und eine in den Zwischenraum.
00:04:05: darüber und zack hast du fünf Zehn.
00:04:08: Du addierst, indem du einfach weitere Münzen auf die entsprechenden Linien schiebst und bei zehn Einheiten eine Münze auf die nächste höhere Linie wechselst.
00:04:17: Das bedeutet, die Hände haben die Arbeit gemacht Die Rechensteine waren sozusagen der Zwischenspeicher Und das Gehirn hat die Muster erkannt.
00:04:25: Exakt!
00:04:26: Das bedeutet... ...das Papier am Ende war dann nur das Protokoll des finalen Ergebnisses Nicht der eigentliche Rechenweg.
00:04:32: Genau
00:04:33: so wars Sonja.
00:04:34: Ulrike Klug zeigt sehr deutlich auf, dass diese römischen Ziffern im Mittelalter fast ausschließlich dazu dienten Resultate zu fixieren.
00:04:42: Unglaublich!
00:04:43: Selbst die Nürnberger Holzschuhe – eine enorm fortschrittliche Kaufmannsfamilie im frühen vierzehnten Jahrhundert führten ihr Handlungsbuch ausschliesslich in römische Ziffernen.
00:04:54: Und was passierte wenn jemand versuchte das schriftlich zu machen?
00:04:57: Wenn überhaupt mal jemand versuchte, damit auf dem Papier zu addieren, kam es unweigerlich zu Fehlern.
00:05:03: Einfach weil man in den langen Buchstaben rein völlig den Überblick verlor!
00:05:07: In Ordnung – das erklärt die handwerkliche Praxis mit römischen Ziffern.
00:05:11: aber hier stolpere ich über die historische Zeitleiste.
00:05:15: Ähm...inwiefern?
00:05:16: Wir lernen doch im Geschichtsunterricht dass die arabisch-indischen Ziffern also unser heutiges System inklusive der Null im Mittelalter längst bekannt waren.
00:05:25: Ja, das stimmt!
00:05:26: Der französische Mönch Gerber von Aujalac der spätere Papst brachte sie ja schon im Jahr neunhundertsechsundsiebzig nach Europa und Leonardo Fibonacci hat zwölfhundertzwei sein berühmtes Buch darüber geschrieben.
00:05:41: Also warum hat der Baumeister auf der Baustelle im dreizehnten Jahrhundert nicht einfach diese effizienten Ziffern genutzt?
00:05:48: Was hier faszinierend ist, dass das Wissen Nicht einfach abwesend war, es steckte in einem historischen Flaschenhals fest.
00:05:57: Okay also ein Verbreitungsproblem?
00:05:59: Ganz genau!
00:06:00: Sonja Ulrike Klug skizziert im Zauberer des Zirkels einen mühsamen dreischrittigen Weg den Neues Wissen im Mittelalter zurücklegen musste.
00:06:10: Wir dürfen nicht den Fehler machen eine isolierte akademische Einführung mit einer breiten gesellschaftlichen Verbreitung gleichzusetzen.
00:06:18: Wie sah dieser Flaschanhalt zum Detail aus?
00:06:20: Lass uns dieses dreischrittige Verfahren mal aufdröseln.
00:06:24: Gerne, der erste Schritt war die eigentliche Entdeckung oder Einführungen.
00:06:29: Neues Wissen oder auch wiederentdecktes Wissen aus der Antike wurde in Schriften und Büchern festgehalten
00:06:35: Und ich vermute mal das war nicht auf Deutsch
00:06:38: Richtig!
00:06:38: Das geschah zwingend auf Latein.
00:06:41: Der zweite Schritt war dann die Verbreitung in der Elite.
00:06:44: Ah, verstehe Dieses lateinische Wissen sickerte langsam in die Kathedralschulen und später in die Universitäten ein.
00:06:52: Also nur ein ganz kleiner Kreis!
00:06:54: Eine winzige, privilegierte Minderheit – in der Regel Kläriker und Mönche, die sich in ihren Skriptorien austauschten
00:07:01: Und der Baumeister, der draußen im Regen den Werkstein bearbeiten muss?
00:07:05: Der kommt erst im dritten Schritt ins Spiel nämlich der Verbreitung in der allgemeinen Bevölkerung und bei den Handwerkern.
00:07:12: Und das dauerte.
00:07:13: Bis
00:07:13: dieses Wissen aus dem akademischen Elfenbeinturm tatsächlich unten im Schlamm der Baustelle ankam, vergingen keine Jahre oder Jahrzehnte
00:07:22: Sondern
00:07:23: Es vergingen Jahrhunderte.
00:07:24: Das
00:07:25: ist ähm... Aus unserer heutigen Perspektive echt unvorstellbar.
00:07:30: Wenn heute am Zern in der Schweiz eine bahnbrechende physikalische Entdeckung gemacht wird gibt es eine Pressekonferenz
00:07:38: Und Sekunden später steht es im Internet.
00:07:41: Genau, fünf Jahre später ist das im Schulbuch!
00:07:45: Warum dauerte das damals so unglaublich lange?
00:07:48: Es gab massive strukturelle Barrieren Vor der Erfindung des Buchdrucks.
00:07:52: um vierzehnhundertfünfzig wurden Bücher einzeln von Hand auf Pergament abgeschrieben.
00:07:57: Das muss extrem teuer gewesen sein.
00:08:00: Ein einziges Buch konnte so viel kosten wie ein halbes Haus.
00:08:03: Man kettete sie in Bibliotheken buchstäblich an die Pulte, weil sie so wertvoll waren.
00:08:08: Erstaunlich!
00:08:09: Und das zweite?
00:08:10: Viel größere Problem war die Sprachbarriere.
00:08:13: Latein war die Sprache der Wissenschaft.
00:08:15: Ein Baumeister konnte vielleicht seine französische oder deutsche Volkssprache lesen
00:08:20: Aber kein Latein
00:08:21: Richtig – ein lateinischer Straktat über Geometrie oder das Rechnen mit der Null half ihm absolut gar nichts.
00:08:27: Das erklärt natürlich auch warum wir aus dieser frühen Epoche keine detaillierten modernen Baupläne finden.
00:08:33: Ganz genau.
00:08:34: Wenn das theoretische Wissen bei den Mönchen eingesperrt ist und der Handwerker es nicht entschlüsseln kann, dann kann es ja gar kein Bauplan geben, der voller mathematischer Berechnungen und arabischer Ziffern steckt.
00:08:45: Es fehlte schlichtweg das gesellschaftliche Fundament dafür.
00:08:48: Es gab keine allgemeine Schulpflicht.
00:08:51: In vielen europäischen Ländern wurde die erst im achtzenden oder neunzehnten Jahrhundert eingeführt.
00:08:56: Rechnen als Schulfach, gerade mit dem modernen Dezimalsystem wurde bis ins späte sechzehnte Jahrhundert hinein stark vernachlässigt.
00:09:03: Also das Wissen war da auf dem Kontinent aber es war hermetisch abgeriegelt.
00:09:08: Absolut abgeregelt ja!
00:09:10: Weißt du?
00:09:11: Hier wird es wirklich interessant.
00:09:13: was mich an der Darstellung in der Quelle besonders fasziniert ist die Reaktion der Menschen Als dass wissen dann endlich durch diesen Flaschenhals sickerte.
00:09:23: Man sollte doch meinen, die Kaufleute und Bauherren hätten das neue arabische System mit offenen Arme empfangen.
00:09:29: Ein System, dass alles so viel effizienter macht!
00:09:32: Ja, das würde man denken...
00:09:34: Aber das Gegenteil war der Fall.
00:09:36: Sie haben sich mit Händen und Füßen an ihre komplizierten römischen Zahlen geklammert.
00:09:41: Warum währt man sich so vehement gegen etwas Offensichtliches?
00:09:45: Weil Innovation historisch gesehen fast immer erst einmal als Bedrohung wahrgenommen wird Und im Mittelalter gab es dafür sehr handfeste pragmatische Gründe, die nichts mit bloßer Sturheit zu tun hatten.
00:09:56: Ein zentraler Punkt war das Material!
00:09:58: Du meinst das Papier?
00:10:00: Genau wenn du mit arabischen Ziffern schriftlich rechnen willst so wie wir's heute mit Stift und Papier machen brauchst du zwingend ein Medium auf dem du deine Zwischenschritte notierst.
00:10:10: Du
00:10:10: verbrauchst also ständig neues Papier was zu dieser Zeit ja ein absolutes Luxusgut war.
00:10:16: Für das Dezimale Rechnen verschleißt du Papierbögen ohne Ende und das kostet auf Dauer ein kleines Vermögen.
00:10:22: Das macht Sinn!
00:10:23: Ein hölzerner Abakus hingegen, auf dem du deine römischen Mengen mit Münzen hin- und herschiebst war eine einmalige Investition.
00:10:31: Du kaufst ihn einmal und erhält dein ganzes Leben lang.
00:10:34: Es war also schlichtweg eine wirtschaftliche Entscheidung der Kaufleute.
00:10:38: Man denkt immer, Innovation setzt sich durch weil sie intellektuell überlegen ist.
00:10:42: Aber
00:10:42: manchmal scheitert sie einfach am Preis für das Verbrauchsmaterial?
00:10:46: Ja Und es gab noch einen anderen Aspekt der mich wirklich überrascht hat Die Angst vor Betrug.
00:10:52: Ah ja!
00:10:52: Das ist ein erstaunliches historisches Detail.
00:10:56: Im Jahr twelvehundertneunundneunzig hat der Rat der Stadt Florenz den dortigen Banken und Kaufleuten per Gesetz schlichtweg verboten, die neuen arabischen Ziffern in ihren Geschäftsbüchern zu nutzen.
00:11:11: Ja genau!
00:11:12: Und Venedig zog mit ähnlichen Vorbehalten nach – man hat der Innovation von staatlicher Seite einfach den Riegel vorgeschoben.
00:11:22: war doch das unangefochtene Zentrum des frühen europäischen Bankenwesens.
00:11:26: Die
00:11:26: Begründung war die massive Angst vor Fälschungen.
00:11:29: Inwiefern?
00:11:30: Überleg mal, bei römischen Ziffern ist es relativ schwer im Nachhinein eine Zahl unauffällig zu verändern ohne dass es auffällt.
00:11:38: Ein C bleibt ein C!
00:11:39: Ah ich verstehe worauf du hinaus willst...
00:11:42: Eine arabische Null hingegen lässt sich mit einem winzigen schnellen Federstrich in eine Sechs- oder einen neuen verwandeln.
00:11:50: Aus einer Zehn machst du in einer Sekunde einen Neunzehn oder eine Sechzehn.
00:11:55: Unglaublich!
00:11:56: Die Obrigkeiten trauten diesen neuen abstrakten System einfach nicht über den Weg, es bot zu viel Angriffsfläche für Manipulationen in den Büchern.
00:12:04: Wir haben also sinnhaft teures Papier die panische Angst vor Betrug in den Handelsmetropolen und eine elitäre Sprachbarriere durch das Lateinische.
00:12:14: Eine massive Mauer
00:12:15: Genau, eine massive Mower, die den Fortschritt blockiert.
00:12:18: Aber irgendwann muss diese Mauer Risse bekommen haben.
00:12:21: Sonja Ulrike Klug zeigt diesen Übergang ja nicht nur anhand von trockenen Dokumenten, sondern direkt an den Gebäuden selbst – gewissermaßen in Stein gemeißelt!
00:12:29: Ja das ist eine der spannendsten Stellen.
00:12:31: Wie sah dieser zähle Übergangen in der Realität aus?
00:12:34: Du musst uns das mal erklären.
00:12:36: Schauen
00:12:36: wir uns dafür den Regensburger Dom an.
00:12:39: Dieser Bau ist wie ein offenes Geschichtsbuch.
00:12:42: Die gotische Baugeschichte dort reicht bis ins Jahr twelvehundertfünfundsiebzig zurück.
00:12:49: Wenn man die frühen Baudatierungen und Inschriften der Steinmetze aus dieser Zeit analysiert, findet man ausnahmslos römische Ziffern.
00:12:57: CMXL – Die ganze unübersichtliche Palette.
00:13:01: Und wann ändert sich das?
00:13:02: Erst im letzten Drittel des fünftzehnten Jahrhunderts, ab dem Jahr vierzehnhundertvierundsechzig tauchen dort plötzlich die allerersten arabischen Ziffern auf.
00:13:11: Auf einem Aufzugs-Schacht steht die Jahreszahl vierzehnthundertvier und sechzig.
00:13:15: Später folgen dann vierzehenhundertneunundsebzig oder vierzehinhundertzweiundachzig.
00:13:20: Das
00:13:20: ist fast fünfhundert Jahre nachdem Gerbert von Auri Yaxi nach Europa brachte.
00:13:24: Fünf Jahrhunderte bis die Zahlen vom Schreibtisch des Klärikers auf den Werkstein des Steinmetzes gewandert sind.
00:13:31: Das illustriert diesen zeitlichen Flaschenhals, über dem wir vorhin sprachen in extremer Form.
00:13:37: Absolut!
00:13:38: Aber was an den Rehensburger Inschriften wirklich tief blicken lässt, sind die skurrilen Mischformen – die man zum Beispiel auf Graplatten findet.
00:13:47: Dort prangen dann plötzlich Jahresangaben wie
00:13:54: Das ist ja wie d'Englisch.
00:13:55: Genau!
00:13:56: Entfängt den Satz selbstbewusst auf Englisch an und wenn einem das Vokabular für das komplexe Wort fehlt, wechselt man panisch ins Deutsche.
00:14:02: Toller Vergleich!
00:14:03: Eine eins eine vier... Und dann LXXXVEE für das Jahr.
00:14:11: Sie haben mitten in der Zahl das mathematische System gewechselt.
00:14:14: Ja,
00:14:15: und ein anderes Beispiel in Regensburg war MCCC-Achtundachtzig für vierzehnhundert Achtundachzig?
00:14:22: Aber warum tun die Steinmetze das?
00:14:24: Diese Mischformen bezeugen die immense kognitive Hürde, die das neue System darstellte.
00:14:30: Die Handwerker und ihre Auftraggeber verstanden zu diesem Zeitpunkt offensichtlich schon zweistellige arabische Zahlen...
00:14:37: ...die eighty-seven oder die eighty-eight.
00:14:38: am Ende bekamen sie hin!
00:14:40: Genau, das war greifbar.
00:14:42: Aber das dreistellige oder vierstellige Dezimalsystem war noch zu abstrakt!
00:14:47: Die römische Zielweise addiert einfach Werte – sie kennt keinen echten Stellenwert im Dezimalensinn.
00:14:53: Ah,
00:14:54: verstehe… also wo allein die Position einer Ziffer ob sie ein erster, zweiter oder dritter Stelle steht ihren Wert als Einer, Zehner oder Hunderter bestimmt?
00:15:03: Richtig ….
00:15:04: mit den Tausendern und Hundertern im arabischen System waren Sie überfordert.
00:15:08: Also griffen sie für den vorderen Teil der Zahl auf das vertraute römische System zurück und hängten das neue Arabische einfach hinten an.
00:15:17: In Ordnung, das zeichnet wirklich ein sehr klares Bild der damaligen Fähigkeiten!
00:15:21: Aber – und hier muss ich wirklich mal skeptisch einhaken….
00:15:25: Das führt mich zu einem massiven Logikproblem.
00:15:27: Okay, schieß los?
00:15:29: Wir sprechen hier von gigantischen gotischen Domen Kathedralen, die über hundert Meter hoch sind mit riesigen Glasfenstern und filigranen Gewölben.
00:15:39: Ein Fehler im Fundament oder in der Statik – und tausenden Tonnen Stein stürzen unweigerlich ein.
00:15:47: Absolut richtig!
00:15:48: Wenn die Handwerker keine Mathematik beherrschen, keine Brüche berechnen können und schon Probleme haben das Jahr, fourteenhundertachtundachzig korrekt auf einen Stein zu meiseln?
00:15:58: Wie um alles in der Welt baut man ein solches Monument?
00:16:02: Das ist die entscheidende Frage.
00:16:04: Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man ein solches Risiko ganz ohne statische Berechnungen auf Papier eingeht.
00:16:12: Da muss es doch einen präzisen Masterplan – einen echten Bauplan gegeben
00:16:16: haben!
00:16:17: Dieses Kepsis ist völlig berechtigt wenn wir aus unserer modernen Perspektive auf Architektur blicken.
00:16:23: aber die mittelalterlichen Baumeister nutzten ein Konzept das unsere heutigen Statikberechnung komplett ersetzte
00:16:29: und das wäre
00:16:30: Die konstruktive Geometrie.
00:16:32: Man hat die Stabilität nicht durch Zahlen berechnet, man hat sie durch Proportionen garantiert, die aus simplen geometrischen Formen abgeleitet wurden.
00:16:41: Warte ein Quadrat in einem Kreis erklärt mir aber doch nicht warum die steinerne Decke in vierzig Metern Höhe nicht einstürzt?
00:16:48: Auf den ersten Blick nicht nein!
00:16:50: Wie wird aus einer flachen geometrische Zeichnung im Sand eine tragende stabile Wand im dreidimensionalen Raum?
00:16:56: Das ist der geniale Kern der konstruktiven Geometri.
00:17:00: Bestimmte geometrische Proportionen wie der goldene Schnitt oder die Triangulatur, also die Konstruktion aus gleichseitigen Dreiecken verteilen physikalische Kräfte und Gewichte auf natürliche Weise optimal.
00:17:14: Wenn der Baumeister die Breite des Hauptschiffs festlegte nahm er dieses Maß als Ausgangspunkt.
00:17:20: Durch das Einzeichnen von Kreisen und Quadraten um dieses Grundmaß herum ergaben sich automatisch die Knotenpunkte.
00:17:27: Für
00:17:28: die Höhe der Säulen, die Wölbung der Bögen und die Dicke der Strebepfeiler.
00:17:34: Die statische Stabilität war in der Geometrie selbst eingebaut.
00:17:38: Erstaunlich!
00:17:40: Solange man die Proportionen der Formen exakt beibehielt- und hochskalierte, trug sich das Gebäude physikalisch von selbst – ohne dass man jemals das Gewicht der Steine in Zahlen ausrechnen musste.
00:17:51: Die Geometri übernimmt also quasi die Rolle des Taschenrechners.
00:17:55: Ganz genau
00:17:56: Es ist ein organisches Wachsen von Formen, bei dem jeder Schritt logisch und proportional aus den vorherigen entsteht.
00:18:04: Und man muss nie einen Lineal zücken und sagen diese Säule muss jetzt genau drei Komma vier fünf Meter im Durchmesser haben.
00:18:10: Ein hervorragender Vergleich.
00:18:11: es gibt bei dieser Methode keine Maßzahlen die man notieren muss!
00:18:15: Das bringt uns zu dem wahren Universalwerkzeug auf der mittelalterlichen Baustelle
00:18:21: Dem Zirkel
00:18:22: Den Zirkel.
00:18:23: Wobei wir hier nicht an den kleinen Bleistift-Zirkel aus der Schule denken dürfen, es gab eine atemberaubende Vielfalt an Zirkeltypen.
00:18:30: Zum Beispiel?
00:18:31: Zum Beispiel Reduktionszirkel mit denen man Strecken in einem ganz bestimmten festen Verhältnis teilen oder vergrößern konnte.
00:18:39: Man übertug Maße von einem Holzmodell direkt auf den Werkstein rein durch das Abgreifen Völlig ohne Zahlen.
00:18:47: Sonja Ulrike Klug beschreibt in der Quelle ja noch ein weiteres Detail, das mich wirklich verblüfft hat.
00:18:53: Bodenzirkel und Schnurzirkel.
00:18:55: Das waren Werkzeuge die so riesig waren dass man sie direkt draußen auf dem lemigen Baugrund anwenden musste.
00:19:02: Und das ist der ultimative Beweis gegen die Existenz moderner Baupläne im Mittelalter?
00:19:07: Inwiefern?
00:19:08: Die
00:19:08: Tatsache, dass die Baumeister diese enormen Bodenzirkel direkt auf der Baustelle benutzten um den Grundriss und die Wölbungen Maßstabsgetreu in den Boden zu ritzen beweist logisch das es keine vollständigen maßstäblichen Gesamtbaupläne auf Pergament
00:19:24: gab.
00:19:25: Ah weil wenn du einen fertigen Plan in der Tasche hättest müsstest du ja nicht auf dem nassen Erdboden herum krabbeln mit einem riesigen Schnurrcirkel des Fundament eines Turms abstecken.
00:19:35: Exakt!
00:19:36: Du würdest einfach die Maße ablesen und das Maßband anlegen.
00:19:43: Der Baumeister war kein distanzierter Planer am Schreibtisch, sondern ein ausführende Handwerker der das Bauwerk direkt im Raum entwickelte.
00:19:52: Das ist ein völlig anderes Bild als heute.
00:20:04: Also mit der Alphabetisierung?
00:20:06: Genau.
00:20:07: Das kam erst mit der Erfindung des Buchdrucks, der langsamen Alphabetierung und der Standardisierung des technischen Zeichnens.
00:20:15: Im Mittelalter war das Handwerkszeug so elementar wichtig dass der Zirkel in der Kunst sogar als heiliges Werkzeug dargestellt wurde.
00:20:23: Ja es gibt doch diese berühmten Abbildungen auf denen Gott als Architekt des Universums dargestellt wird wie er mit einem gewaltigen Zirkel die Welt ordnet.
00:20:32: Das zeigt den enormen Respekt vor dieser Methode!
00:20:35: Die Geometrie war nicht einfach Mathematik, sie galt als Abbild der göttlichen Ordnung, die für unumstößliche Stabilität sorgte.
00:20:43: Wenn
00:20:43: wir also heute durch eine historische Stadt spazieren und einer dieser erstaunlichen Kathedralen bewundern müssen wir unser modernes Bild des Schreibtischarchitekten eigentlich komplett ausradieren.
00:20:55: Definitiv
00:20:56: Da saß im dreizehnten Jahrhundert niemand der komplexe Formeln berechnete, die gelehrte Elite hütete in den Klöstern ihr theoretisches mathematisches Wissen auf Latein verborgen hinter unüberwindbaren Hürden aus Kosten und Sprache.
00:21:10: Der Baumeister hingegen stand im Staub – er war ein hochspezialisierter Handwerker, der aus dem Nichts nur mit Hilfe von Zirkeln und dem tiefen Vertrauen in die konstruktive Geometrie Meisterwerke erschuf, die noch Hunderte Jahre später stehen.
00:21:25: Weißt du, wenn wir das mit dem großen Ganzen verbinden drängt sich wirklich ein faszinierender Gedanke auf.
00:21:30: Wir haben gesehen wie das Wissen über arabische Zahlen oder die Null Jahrhunderte brauchte um sich bei den Menschen durchzusetzen dies am dringendsten brauchten.
00:21:40: und warum?
00:21:41: Nur weil dieses Wissen in einer elitären Fremdsprache verfasst war und das Übertragungsmedium unbezahlbar war.
00:21:48: es lag ja nicht am mangelnden Verstand der Handwerker Es lag einen künstlichen strukturellen Barrieren.
00:21:54: Das ist ein Gedanke, den man für uns heute wirklich erst einmal sacken lassen muss.
00:21:58: Absolut!
00:21:59: Welches weltverändernde Wissen?
00:22:01: Welche geniale Innovation liegt heute vielleicht genau in diesem Moment irgendwo verborgen unverstanden oder ungenutzt?
00:22:10: Weil es keiner lesen kann.
00:22:11: Oder weil es hinter absolut teuren akademischen Paywalls versteckt ist... ...oder weil es in einem derartigen wissenschaftlichen Fachjargorff fast ist,... ...denn der Macher-, der moderne Handwerker von heute...?
00:22:23: einfach nicht entschlüsseln kann.
00:22:24: Vare
00:22:25: Worte!
00:22:25: Vielleicht bauen wir uns im Informationszeitalter gerade unsere eigenen lateinischen Bibliotheken, zu denen nur sehr wenige den Schlüssel besitzen?
00:22:34: Wir begannen unsere Reise heute mit dem Bild der glasklaren Präzision eines modernen Onkenbildes auf dem alles berechnet und messbar ist.
00:22:43: Doch der Blick zurück zeigt uns dass große Dinge nicht immer durch mathematische Berechnungen auf den Papier entstehen
00:22:49: sondern oft durch den Mut mit den Werkzeugen, die man hat, Formen im echten Raum einfach wachsen zu lassen.
00:22:55: Ganz genau!
00:22:56: Ich hoffe dieser tiefe Einblick in die mittelalterliche Baustelle hat dir genauso viele neue Perspektiven eröffnet wie uns.
00:23:03: Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.
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