Fräulein Reuschel gibt Gas, Folge 1

Shownotes

Unternehmen Sie mit mir eine ruckelige Reise durch die oft übersehenen Kapitel der Automobil- und Motorradgeschichte. In dieser Episode gebe ich Ihnen einen Überblick über Frauen, die als Erfinderinnen, Rennfahrerinnen und leidenschaftliche Enthusiastinnen die Motorwelt prägten – lange bevor sie dafür gewürdigt wurden. Noch immer sind viele ihrer Namen unbekannt, doch ihre Leistungen verdienen Rampenlicht. Steigen Sie ein, schnallen Sie sich an und entdecken Sie mit mir die faszinierende Kraft weiblicher Pionierarbeit auf vier und zwei Rädern!

Sonja Ulrike Klug: Fräulein Reuschel gibt Gas (Paperback, E-Book) Kluges Verlag, 2025 <https://www.amazon.de/dp/3910321402>

Alle Bücher von Sonja Ulrike Klug <https://publishde.bookmundo.com/site/userwebsite/index/id/sonjaulrikeklug>

Transkript anzeigen

00:00:00: Der Rückspiegel, der Scheibenwicher, der Bremsbelag.

00:00:04: Also das sind alles Dinge auf die du heute im Straßenverkehr völlig selbstverständlich dein Leben verwetten würdest?

00:00:10: Ja absolut!

00:00:11: Wenn es regnet tippst du den Hebel an wenn du auf der Autobahn die Spur wechselst wirfst du ganz automatisch einen Blick nach oben.

00:00:21: und all diese fundamentalen Sicherheitskonzepte wurden von Menschen erfunden laut Gesetz damals oft nicht einmal in eigenes Bankkonto eröffnen dürften.

00:00:30: Geschweige denn wählen?

00:00:31: Ja,

00:00:32: richtig!

00:00:33: Wir kommen zu unserem heutigen Deep Dive in ein Thema das die komplette Automobilgeschichte eigentlich auf den Kopf stellt.

00:00:40: Ja wir werfen heute einen wirklich genauen Blick in das Buch.

00:00:43: Freuline Reuschel gibt Gas von Sonja Ulrike Klug und dieses Buch demontiert im Grunde das sehr saubere ja fast schon klinische Bild dass wir so von der Erfindung der Mobilität haben

00:00:54: Das stimmt.

00:00:56: Wenn wir an die frühen Jahre des Automobils denken, haben wir ja sofort Männer in ölverschmierten Werkstätten vor Augen.

00:01:03: Oder halt in schicken Vorstandsetagen?

00:01:05: ne?

00:01:05: Ganz genau!

00:01:06: Die Forts, die Daimlers, die Bänse... Aber die Geschichtsschreibung übersieht da systematisch eine bestimmte Gruppe nämlich die sogenannten Patrol Women.

00:01:16: Und

00:01:16: genau diese Frauen wollen wir heute mal aus den Fußnoten der Geschäftsbücher holen.

00:01:21: und wenn ich mir die Notizen aus unseren Quellen so anschaue drängt sich mir da sofort eine zentrale Frage auf.

00:01:27: Okay, schieß los!

00:01:27: Also diese allerersten Autos waren ja laut die Stanken bestialisch nach Chemikalien – sie explodierten gefühlt alle zehn Kilometer.

00:01:36: Ja das waren im Grunde rollende Bomben.

00:01:38: eben ich verstehe überhaupt nicht wie diese Maschinen jemals ein kommerzielle Erfolg werden konnten.

00:01:44: ab welchem Punkt haben die Menschen eigentlich aufgehört diese Dinge auszulachen und angefangen sie?

00:01:50: Naja tatsächlich zu kaufen?

00:01:51: Karl Benz ist da das perfekte Beispiel für genau dieses Dilemma.

00:01:55: Er war ein brillanter Techniker, aber er war in seiner eigenen Perfektion und in dieser gesellschaftlichen Skepsis geradezu gelehmt.

00:02:04: Okay...

00:02:04: Er hatte achtzehnhundert achtundachtzig seinen Motorwagen Nummer drei entwickelt, aber das Ding stand halt ungenutzt herum.

00:02:11: Es nicht gefahren!

00:02:12: Kaum.

00:02:13: Die Menschen am Straßenrand lachten ihn aus, das Automobil galt damals als gefährliches Ungeheuer dass die Pferdescheu machte und die Luft verpestete.

00:02:22: Verstöre!

00:02:22: Benz fehlte völlig das Gespür für Marketing.

00:02:25: Er war entmutigt und traute sich einfach nicht sein eigenes Produkt mal einem radikalen Stresstest in der Öffentlichkeit zu unterziehen.

00:02:32: Ich muss dabei immer an diese genialen aber völlig introvertierten Softwareentwickler von heute denken.

00:02:37: Ja, guter Vergleich.

00:02:38: Jemand programmiert im Keller die absolute Killer App, weigert sich aber sie jemals aus der geschlossenen Beta-Version herauszuholen weil er immer noch einen winzigen Bug findet.

00:02:48: Ganz genau!

00:02:49: Er

00:02:49: braucht jemanden, der ihm die App aus den Händen reißt und einfach auf Live schalten drückt Und diese Person war in diesem Fall seine Frau Bertha Bens.

00:02:58: Richtig!

00:02:59: Sie erkannte glasklar, dass das Projekt und damit eigentlich die ganze Existenz der Familie stirbt wenn sie nicht handelt.

00:03:06: Im August, eighteenhundertundachtzig plant sie also die allererste Fernfahrt der Geschichte.

00:03:11: Von Mannheim nach Pforzheim oder?

00:03:13: Genau

00:03:13: knapp über hundert Kilometer – und sie tut das heimlich im Morgengrauen mit ihren beiden Söhnen Eugen & Richard.

00:03:21: Sie hinterlässt Karl nur einen Zettel

00:03:23: Einen Zettel, er wusste von nichts.

00:03:25: Er wusste vom Nichts!

00:03:26: Er hätte diese Fahrt nämlich niemals erlaubt weil sie ihm viel zu riskant erschien.

00:03:32: Und das war ja keine Fahrt auf einer ausgebauten Bundesstraße.

00:03:35: Es gab keine Tankstellen Keine Straßenkarten Nichts

00:03:38: davon.

00:03:39: Wenn du heute mit dem E-Onto liegenbleibst und keine Ladesäule findest dann rußst du halt den ADAC.

00:03:43: Börter Benz hatte keine ADAC?

00:03:45: Nee

00:03:45: definitiv nicht.

00:03:46: Das pure Improvisationstalent dass sie auf dieser Fahrt an den Tag legte Das ist einfach unglaublich, das fing ja schon beim Treibstoff an.

00:03:54: Richtig!

00:03:54: Der Motorwagen brauchte Ligräumen um zu funktionieren.

00:03:57: Ligruin?

00:03:58: Ja...das ist im Grunde ein Leichtbenzin, ein Petroetha der in der Frühzeit als Reinigungsmittel genutzt wurde.

00:04:05: Die frühen Motoren hatten eine sehr geringe Kompression und brauchten deshalb einen extrem flüchtigen leicht entzündlichen Treibstoff.

00:04:12: Und wo gab es dieses Ligreuen damals?

00:04:14: Nur in Apotheken.

00:04:15: Wahnsinn, also rollt sie in Wiesloch an die Stadtapotheke und kauft dem verwirrten Apotheker den gesamten Vorrat ein Reinigungsmittel ab.

00:04:24: Exakt.

00:04:25: Zack!

00:04:25: Die erste Tankstelle der Welt.

00:04:27: Sozusagen ja?

00:04:28: Aber Treibstoff war nur das eine Problem – die mechanischen Ausfälle unterwegs müssen massiv gewesen sein.

00:04:34: Oh

00:04:34: ja, die Technik war extrem fehleranfällig.

00:04:37: Eine Kraftstoffleitung verstopfte zum Beispiel...

00:04:40: Und was macht sie?

00:04:41: Bertha stochte sie einfach mit ihrer langen Hutnadel wieder frei!

00:04:44: Mit

00:04:44: einer Hutnade?

00:04:45: Krass!

00:04:46: Ja und später scheuerte die Isolierung eines Zündkabels durch und verursachte einen Kurzschluss woraufhin Sie kurzerhand ihr Strumpfband abnahmen und das Kabel damit isolierte.

00:04:56: Warte mal

00:04:57: ein Strumpftand als Kabelisolierung.

00:04:59: Improvisation auf höchsten Niveau Aber der wirkliche Durchbruch passierte eigentlich bei den Bremsen.

00:05:05: Stimmt!

00:05:06: In den Quellen steht, sie hat quasi ihm vorbeifahren den Bremsbelag erfunden.

00:05:11: Wie genau muss man sich das mechanisch eigentlich vorstellen?

00:05:14: Warum haben die Brems versagt?

00:05:16: Also... Die frühen Autos nutzten simple Holzklötze.

00:05:21: Holz?!

00:05:22: Ja, Holzklötze, die über ein Hebelgestänge direkt gegen die Eisenreifen der Räder gedrückt wurden.

00:05:28: Wenn man nun im hügeligen Terrain unterwegs ist, erzeugt diese Reibung zwischen Holz und Metall immense Hitze.

00:05:35: Das leuchtet ein!

00:05:37: Auf den steilen Gefällsstrecken im Schwarzwald verkohlte das Holz regelrecht Es splitterte es rieb sich ab und verlor fast sofort seine Bremswirkungen.

00:05:47: Die Bremsen fingen an zu qualmen und lösten sich auf.

00:05:52: Und wie hat sie das gelöst?

00:05:53: Sie hielt bei einem Dorfschmied an und ließ sich dickes Leder auf die abgenutzten Holzklötze nageln.

00:05:59: Leder, ja?

00:06:01: Leder ist extrem zäh, faserig und viel hitzebeständiger als massives Holz.

00:06:07: Es bot den nötigen Grip ohne sofort zu verbrennen oder zu zersplittern.

00:06:12: Clever!

00:06:13: Sie hat damit das physikalische Prinzip des modernen Bremsbelags also eine austauschbare Verschleißschicht mit hohem Reibungswert in der Praxis bewiesen.

00:06:22: Wahnsinn.

00:06:23: Und weil ihre Söhne den schweren Wagen an den steilen Bergen ständig schieben mussten, hat sie Karl hinter die Leviten gelesen und gefordert, dass er einen dritten Gang einbaut.

00:06:32: Ja!

00:06:32: Weil die Übersetzung für Steigungen einfach nicht reichte.

00:06:35: Sie war die furchtlose Beta-Testerin – sie hat die Bugs gefunden und direkt die Patches geliefert.

00:06:39: Schön gesagt….

00:06:40: Aber der gesellschaftliche Effekt vor dieser Fahrt war noch viel massiver als der technische.

00:06:45: Inwiefern?

00:06:46: Das Automobil war plötzlich ein funktionierendes Konzept ….

00:06:50: doch das Stigma blieb halt.

00:06:52: Die Gesellschaft sah diese Maschinen immer noch als gefährlich und schwer beherrschbar an.

00:06:57: Und ironischerweise wurde genau die damalige Abwertung der Frau zum perfekten Marketinginstrument der frühen Autoindustrie.

00:07:05: Ah, du spielst auf den sogenannten Idioten-Test an?

00:07:09: Ganz genau!

00:07:09: Das Konzept ist brillant – aus heutiger Sicht gleichzeitig einfach unfassbar zynisch.

00:07:15: Absolut!

00:07:16: Schauen wir uns mal Wilhelmine Erhardt an….

00:07:19: Sie wurde um nineteenhundert als die erste Automobilistin Deutschlands gefeiert.

00:07:23: Okay, sie war das Werbegesicht für den Wartburg Motorwagen der Fahrzeugfabrik Eisernach, deren Direktor übrigens ihr Ehemann war.

00:07:31: praktisch sehr Die Prämisse der damaligen patriarchialischen Gesellschaft lautete schlichtweg Frauen sind von Natur aus technisch ahnungslos und physisch schwach.

00:07:41: Das heißt wenn die Fabrik will Hermine in Werbean zeigen oder bei Überlandfahrten an Steuersetzte und sie das Auto fehlerfrei von A nach B brachte.

00:07:51: Dann war die Botschaft an zögerten Männer extrem provokant.

00:07:55: So nach dem Motto, seht her dieses Gefährt ist derart idiotensicher und simpel zu bedienen dass nicht einmal eine Frau damit überfordert ist.

00:08:04: Das war genau die Strategie!

00:08:06: Die Industrie hat also den Sexismus der Epoche als Verkaufsargument instrumentalisiert um den Männern die Angst vor der neuen Technik zu nehmen.

00:08:15: So perfide es war, es funktionierte.

00:08:17: Die Autos kamen auf die Straße!

00:08:20: Doch nachdem bewiesen war dass die Maschinen liefen standen die Pionierenden vor einer Barriere die viel starrer war als jedes technische Problem.

00:08:27: Welche war das?

00:08:28: Die damalige Damenmode und die gesellschaftliche Etikette?

00:08:32: Ende war ja kein modisches Assessor Das war im Grunde ein architektonisches Gefängnis.

00:08:37: Ja absolut

00:08:39: Bodenlange Röcke extrem viel Stoff gigantische Hüte Und vor allem das Corset.

00:08:45: Wer

00:08:45: kein Corsettdruck galt als moralisch verkommen, wir sprechen hier von Konstruktionen die den weiblichen Körper extrem deformierten!

00:08:54: Ich habe gelesen dass die Französin Camille Dugast – Die Valküre des Automobils beim berüchtigten Todesrennen Paris-Madrid III Teilnamen und die Journalisten lobten damals in den Zeitungen ihre achsoelegante eisene und aufrechter Haltung am Steuer.

00:09:10: Sie schrieben von ihrer unglaublichen Disziplin.

00:09:13: Aber das hatte doch null mit Disziplin zu tun, das war reine Physik oder?

00:09:17: Die Reporte haben die Realität da völlig verkannt!

00:09:20: Diese Korsets hatten vertikal eingearbeitete Stahlstangen.

00:09:24: Ja, sie schnürten die Frauen auf einen Teilchenumfang von fünfzig Zentimetern zusammen.

00:09:31: Camel du Gast konnte sich gar nicht nach vorne beugen selbst wenn sie gewollt hätte.

00:09:35: Ihre Haltung war keine Eleganz, es war eine erzwungene Erstarrung.

00:09:38: Das ist als würde man heute versuchen einen Formel-Einswagen in einer starren Ritterrüstung zu fahren während man durch einen winzigen Strohhalm atmet weil die Lunge komplett zusammengequetscht ist.

00:09:50: Und wir dürfen nicht vergessen diese frühen Autos hatten keine Servolenkung.

00:09:54: das Lenkrad zu drehen erforderte massiven Krafteinsatz aus dem gesamten Oberkörper.

00:09:58: Kamil versuchte im Grunde schweres Gerät zu bedienen, während sie in einem Ganzkörper gibsteckte.

00:10:03: Und zwar nichts?

00:10:04: Nichts!

00:10:05: Die Autos wogen teilweise über eine Tonne und fuhren blind durch dichte Staubwolken auf unbefestigten Straßen.

00:10:12: Es war ein Gemetzel.

00:10:13: es gab zahlleiche Tote sowohl Fahrer als auch Zuschauer.

00:10:17: Und mitten in diesem Chaos zeigte Kamildern ihren wahren Charakter.

00:10:21: Ja,

00:10:21: sie lag wahnsinnig gut im Rennen auf Platz acht.

00:10:24: dann kamen Sie an dem völlig zerstimmerten Wagen eines Kollegen vorbei einem Engländer namens Strait.

00:10:29: Er lag eingeklemmt unter den Trümmern.

00:10:30: das Benzin tropfte auf ihn herab.

00:10:32: andere Fahrer rasten einfach vorbei, um ihre Platzierung nicht zu verlieren.

00:10:36: Skrupellos!

00:10:37: Aber Camille legte eine Vollbremsung hin.

00:10:40: sie zog ihn mit Hilfe von Mechanikern unter dem Wagen hervor leistete stundenlang erste Hilfe im Staub bis endlich ein Arzt kam.

00:10:48: Sie opferte ihren Etappensieg für Menschlichkeit

00:10:52: Und die Reaktion der französischen Regierung auf dieses tragische Rennen war drastisch.

00:10:57: Was passierte?

00:10:58: Das Rennen wurde abgebrochen Doch die Konsequenz speziell für Camille und andere Fahrerin war echt entlarvend.

00:11:05: Die Regierung verbot Frauen daraufhin komplett die Teilnahme am Motorsport.

00:11:11: Warum?

00:11:12: Die offizielle Begründung, man müsse sie vor ihrer eigenen weiblichen Nervosität schützen!

00:11:18: Bitte

00:11:18: was?!

00:11:19: Weibliche Nervosität?

00:11:20: Ja, das stand da wirklich so.

00:11:22: Sie bewahrt dem absoluten Chaos die Ruhe, rettet einem Mann des Leben, während die männlichen Kollegen aus blinder Ambition einfach weiterfahren und die Regierung attestiert ihr Nervosität – das ist an Absurdität kaum zu

00:11:35: überbieten.".

00:11:36: Es war ein reiner Vorwand um die weibliche Konkurrenz aus einem zunehmend pristischsträchtigen und maskulinen Feld fernzuhalten.

00:11:46: Doch die Frauen ließen sich nicht aufhalten!

00:11:48: Sie begannen, sich den physikalischen Zwängen schlichtweg zu verweigern.

00:11:53: Wie haben sie das gemacht?

00:11:54: Die deutsche Marie Reuschel zum Beispiel.

00:11:57: Die weigerte sich in four auf dem Motorrad diese riesigen gefährlichen Damenhüte zutragen die sich ständig im Wind verfangen.

00:12:06: Stattdessen setzte sie sich eine Prinz Heinrich-Mütze auf Eine flache Herrenmütze.

00:12:12: Das war ja so als würde man heute zum Beikleid einen Integralhelm tragen Pura Moodischer trotz

00:12:17: Absolut!

00:12:18: Und sie gewann in Stuttgart ein steiles Bergrennen gegen unzählige Männer, schlicht aus physikalischen Gründen.

00:12:24: Die damaligen Motoren waren noch so schwach dass das Leistungsgewicht entscheidend war.

00:12:28: Richtig Als Frau war sie die leichteste Teilnehmerin auf der Strecke.

00:12:32: Ihr Gewichtsvorteil brachte Sie als erste über die Ziellinie während die schweren Herren mit ihren Maschinen an der Steigung quasi verhungerten.

00:12:40: Wir sehen hier den Übergang vom bloßen Beweisen der Technik hin zur aktiven Anpassung an die Realität der Straße.

00:12:49: Und niemand verkörpert diesen pragmatischen Überlebenswillen besser als die Britin Dorothy Leavitt, das schnellste Mädchen der Welt.

00:12:57: Ah, Dorothy!

00:12:59: Ich habe mir die Notizen zu ihrem Ratgeberbuch für Frauen aus dem Jahr neunzehntneuen angesehen – The Woman and the Car.

00:13:05: Ein fantastisches Buch.

00:13:07: Ja, aber einige Ratschläge darin lesen sich heute völlig bizarr!

00:13:11: Sie empfiehlt immer Schokolade einzupacken?

00:13:13: Einen Revolver im Handschuhfach zu haben und einen Handspiegelgriff bereitzuhalten?

00:13:18: War das eine Führerscheinprüfung oder die Vorbereitung auf einem Bankraub?

00:13:22: Es war die Vorbreitung auf eine extrem feindselige Umgebung... Die Schokolade war überlebenswichtig, weil das Fahren brutale körperliche Arbeit war.

00:13:33: Das Ankubbeln des Motors, des schwere Lenken...

00:13:36: Okay, es macht Sinn!

00:13:36: ...

00:13:37: wenn der Blutzuckerspiegel absackte, fiel eine Frau im Korsett sofort in Ohnmacht.

00:13:41: Und der Revolver?

00:13:42: Der Revolve hatte einen sehr realen Hintergrund.

00:13:46: Die frühen Autos waren offene Caprios – man fuhr langsam durch Dörfer….

00:13:50: Für die ländliche Bevölkerung waren diese lauten Maschinen der reichen Städter ein verhasstes Symbol Oh.

00:13:57: Es kam andauernd vor, dass Bauern oder Passanten die Fahrer aus Wut mit Steinen bewarfen oder mit Peitschen angriffen.

00:14:04: Krass!

00:14:06: Okay und der Handspiegel?

00:14:07: Der Handspiegel war die Lösung für ein massives biomechanisches Problem.

00:14:12: In einem engen Korsett – mit dickem Mantel- und Hut auf einer vibrierenden lauten Maschine – war es physisch unmöglich den gesamten Oberkörper zu drehen um nach hinten zu schauen.

00:14:21: Ja logisch

00:14:22: Dorothy Lividt riet den Frauen also, den kleinen Spiegel hochzuhalten und den rückwärtigen Verkehr zu beobachten.

00:14:28: Das heißt sie hat den Rückspiegel erfunden – nicht für Lippenstift sondern aus reiner Notwendigkeit weil Autos damals ab Werk einfach keine Spiege hatten.

00:14:37: Ganz genau!

00:14:38: Und damit sind wir an einem entscheidenden Wendepunkt.

00:14:41: Dorothy Livott löste das Problem zusehen was hinter einem passierte.

00:14:45: aber als die Autos schneller wurden entstand ein neues noch viel tödlicheres Problem nämlich zu sehen was vor einem lag.

00:14:52: Genau, denn die Autos veränderten sicher.

00:14:55: Am Anfang waren es offene Kisten bei denen einem der Regen einfach ins Gesicht schlug Aber dann begannen die Hersteller Dächer und Glasscheiben zu montieren um die Fahrer zu schützen Und damit bauten sie versehentlich eine absolute Sichtfalle.

00:15:11: Hier betritt Mary Anderson die Bühne.

00:15:13: Wir schreiben das Jahr three in New York, Mary Anderson beobachtet an einem eisigen nassen Tag wie Straßenbahnfahrer trotz der modernen Glasscheiben bei Schnee und Regen die Frontfenster aufklappen müssen.

00:15:28: Weil sie sonst nicht sehen?

00:15:30: Genau!

00:15:31: Sie lehnten sich in die Eiseskelte hinaus, holten sich fast den Tod weil die Scheiben komplett undurchsichtig wurden.

00:15:37: Für die männlichen Ingenieure der damaligen Zeit war das Autoprimär ein Schönwetterspielzeug Ja –

00:15:42: Ein Sportgerät.

00:15:44: Man fuhr halt am Sonntag, wenn die Sonne schien.

00:15:46: Die Idee, dass ein Fahrzeug ein alltagstaugliches Transportmittel für jedes Wetter sein könnte existierte in den Köpfen der Konstrukteure überhaupt nicht.

00:15:55: Mary Anderson als praktisch denkende Geschäftsfrau erkannte das sofort als fundamentales Sicherheitsrisiko.

00:16:01: Sie konstruierte daraufhin eine mechanische Lösung – Eine Gummilibbe an einem schwingenden Arm, der durch die Windschutzscheibe hindurch mit einem Hebel im Innenraum verbunden war.

00:16:12: Das Prinzip kennen wir heute noch.

00:16:13: Ja, der Fahrer konnte den Hebel drehen eine Feder drückte das Gummi an die Scheibe und wischte den Schnee weg.

00:16:22: Sie baute einen Prototyp und meldete in drei, dass Patent auf den ersten funktionierenden Scheibenwischer an.

00:16:29: Das Patentamt muss doch völlig perplex gewesen sein.

00:16:32: Eine Frau will ein technisches Patent anmelden?

00:16:34: Das war doch damals für Frauen fast unmöglich.

00:16:37: In einigen Bundesstaaten Der USA durften sie nicht mal eigenes Eigentum besitzen.

00:16:41: Sie erkämpfte sich das Patent, aber die Reaktion der Industrie war niederschmetternd.

00:16:46: Was passierte?

00:16:47: Sie versuchte die Erfindung an kanadische Filmen zu verkaufen.

00:16:50: Die Antwort lautete wörtlich Der kommerzielle Wert eines Scheibenwischers rechtfertige keinen Verkauf.

00:16:56: Bitte.

00:16:57: Niemand verstand den Sinn weil geschlossene Kabinen noch nicht der Standard waren.

00:17:01: Es ist eine absolute Tragödie des Timings.

00:17:04: sie war ihrer Zeit zwei Jahrzehnte voraus.

00:17:07: Es dauerte bis in die neunzehntzwanziger Jahre, bis ihr Patent ausgelaufen war.

00:17:12: Bitter!

00:17:12: Und erst dann kam ein gewisser Herr Robert Bosch, nahm das grundlegende Konzept, baute einen Elektromotor daran und machte das ganz große Geschäft.

00:17:22: Mary Anderson sah kaum einen Cent, obwohl sie das Konzept erdacht hatte.

00:17:27: Doch die Frauen gaben sich nicht mit kurzen Fahrten oder Schönwetterausflügen zufrieden.

00:17:32: Die nächste logische Eskalationsstufe war die Überwindung von Distanzen.

00:17:36: Sie testeten die absolute Belastungsgrenze von Materie und Mensch.

00:17:57: Ein amerikanischer Weg war damals oft nur eine schlammige Wagenspur oder ein alter Prädeprat durch die Berge.

00:18:04: Die mechanische Belastung war enorm!

00:18:06: Die frühen Motoren verfügten über keine geschlossenen Kühlsysteme.

00:18:09: unter Druck, wie wir das heute haben...

00:18:11: Was hieß das für die Fahrt?

00:18:13: ...das Wasser fing bei starken Steigungen schlichtweg an zu kochen und verdampfte.

00:18:18: Der Motor überhitzte ständig – und es drohte eigentlich laufend einen Totalschaden…

00:18:23: Und auf dieser Reise passierte etwas, dass den absurden Kontrast dieser Zeit perfekt einfängt.

00:18:29: Das mit den Bechern?

00:18:30: Ja!

00:18:31: Alice fährt diesen Maxwell-Wagen durchs Nirgendwo – der Motor kocht über.

00:18:36: Sie haben kein Wasser dabei.

00:18:37: Da kramen ihre Schwegerinnen die mit im Wagen sitzen Ihre edlen Reiseotensilien aus den Koffern Und womit schöpfen sie mühsam Wasser Aus schlammigen Straßengräben in den heißen Kühler Mit ihren Zahnputzbechern aus purem Sterlingssilber und kleinen Parfümfläschchen aus geschliffenem Glas.

00:18:55: Das ist unglaublich!

00:18:57: Es ist der totale Clash zwischen feiner New Yorker High Society und knallhartem Survival Road Trip.

00:19:03: Noch skurriler wird dieser Kontrast bei Effie Hodgkis.

00:19:07: Sie durchquert, die USA, aber nicht im Auto sondern auf einem schweren Motorrad mit Beiwagen.

00:19:16: Die Straßenbedingungen waren besser als sechs Jahre zuvor.

00:19:20: Effi wuchtete diese schwere Maschine durch Schlammlöcher, flickte Reifen und kämpfte gegen das Wetter...

00:19:26: Aber sie war ja nicht allein auf diesem Motorrad?

00:19:28: Nein!

00:19:29: In diesen Beiwagen saß ihre Mutter Avis

00:19:32: Die Mutter.

00:19:32: Ja,

00:19:33: eine ältere Dame aus der strengen viktorianischen Ära die sich auf diesem rauen Trip offensichtlich völlig unterbeschäftigt fühlte.

00:19:42: Was hat sie denn gemacht?

00:19:43: Irgendwann auf der Reise lernte Mutter Avis bei der Frau eines Mechanikers das Klöppeln.

00:19:48: Klöpeln!

00:19:49: Ernsthaft?!

00:19:50: Ja

00:19:50: und ab da saß sie tausende Kilometer dann im ratternden springenden Beiwagen während Effi ums Überleben kämpfte und klöppelte.

00:19:59: völlig tiefen Endspannt feinste Spitzen

00:20:02: Das gibt's doch nicht.

00:20:03: Dieser Kontrast, die todesmutige Mechanikerin am Lenker und der Inbegriff des häuslichen neunzehnten Jahrhunderts im Beiwagen – das ist echt filmreif!

00:20:14: Absolut!

00:20:14: Dieser unbändige Wille, die Welt mit der Maschine zu erobern, gipfelt schließlich in Clarenore Stinnis.

00:20:21: Zwischen nineteenhundertsiebenundzwanzig und neunzehnhundertneinundzwanzig umrundete sie als

00:20:27: allererster

00:20:28: Mensch überhaupt in einem serienmäßigen Automobil die Welt.

00:20:31: Die

00:20:31: ganze Welt!

00:20:32: Sie durchquerte den Balkan, die sibirische Eiswüste, die Wüstegobi, die Anden in Südamerika...

00:20:39: Und Clarenora schärte sich null um Konventionen?

00:20:43: Sie wusste, auf dieser Reise gibt es kein Platz für Röcke.

00:20:46: Also trat sie in praktischen Herrenanzügen mit Krawatte und Schlägermütze auf.

00:20:50: Eine sehr praktische Entscheidung?

00:20:52: Die

00:20:53: Logistik dahinter war ein Meisterwerk!

00:20:55: Um das zu finanzieren, akquirierte sie Sponsorgelder von Unternehmen wie Bosch & Kontinente – sagenhafter «Einhunderttausend Reichsmark».

00:21:03: Wahnsinn….

00:21:04: Diese Frau war auf alles vorbereitet.

00:21:06: In ihrem Expeditionsgepäck fanden sich unter anderem hundertundzwanzig hart gekochte Eier für Notrationen.

00:21:13: Hundertund zwanzig Eier?

00:21:16: Okay, das ist spezifisch!

00:21:17: Aber weißt du, wenn wir all diese Einzelschicksale mal zusammenfügen ergibt sich wirklich ein völlig neues Bild der Automobilgeschichte.

00:21:24: Ja,

00:21:24: finde ich auch!

00:21:25: Diese Frauen waren keine Passagiere – sie waren die Beta-Testerinnen, die Sicherheitsingenieurinnen, Divisionärinnen... ...die gegen massive gesellschaftliche und physikalische Widerstände die Mobilität der Zukunft geformt haben.

00:21:37: Stell dir das vor, wenn du nachher in dein Auto steigst Du bist auf der Autobahn, es regnet in Strömen.

00:21:42: Du schaltest die Scheibenwische ein, wirfst einen Blick in den Rückspiegel um die Spur zu wechseln und wenn vorne einer bremst vertraust du blind darauf dass deine Bremsbelege greifen.

00:21:51: Ganz genau!

00:21:52: In diesem alltäglichen Moment nutzt du das direkte ingenieurstechnische Erbe von Mary Anderson Dorothy Lividt und Bertha Benz Frauen deren Namen viele in diesem Kontext wahrscheinlich noch nie gehört haben.

00:22:04: Es zwingt uns unsere Definition von Erfindern zu überdenken.

00:22:08: Die Geschichte der Technik ist eben nicht nur eine Geschichte der Patente und Fabrikbesitzer, sondern auch die derjenigen, die das Risiko auf der Straße auf sich genommen haben um aus wackeligen Prototypen alltagstaugliche Werkzeuge zu machen.

00:22:23: Das Buch erwähnt am Rande ein Detail, dass mich seitdem nicht mehr loslässt.

00:22:27: Diese Frauen mussten extrem oft heimlich agieren, um überhaupt etwas zu erreichen.

00:22:32: Ja...das zog sich durch!

00:22:34: Kamil Dygast sprang unter ihrem Meidchennamen mit dem Falschirm ab um keinen öffentlichen Skandal für ihre Familie zu provozieren.

00:22:42: Werter Bens klaute ihrem eigenen Mann den Wagen für den ersten Praxistest und das führt zu einem Gedanken, den ich dir zum Abschluss mit auf den Weg geben möchte.

00:22:52: Oh da bin ich gespannt!

00:22:53: Wenn wir heute sehen dass fundamentale technologische Sprünge wie der Scheibenwischer von Frauen erdacht wurden die man systematisch marginalisiert hat wie viele andere gigantische Erfindungen in unserer gesamten Menschheitsgeschichte werden heute ganz selbstverständlich berühmten Männern zugeschrieben.

00:23:11: Nur weil die brillanten Frauen, die die eigentliche intellektuelle oder praktische Arbeit geleistet haben, ihren Namen nicht auf das Patent setzen wollten – oder per Gesetz gar nicht durften!

00:23:23: Wenn das Fundament unserer modernen Welt so voller unsichtbarer weiblicher Fingerabdrücke ist… was haben wir dann in den Geschichtsbüchern noch alles übersehen?

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.